75 Jahre Großstadt Salzgitter

75 Jahre Großstadt Salzgitter

Salzgitter zur Zeit der Stadtwerdung

Wegen der großen Eisenerzvorkommen im Gebiet von Salzgitter, gründeten die Nationalsozialisten am 15.Juli 1937 die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ (Hermann-Göring-Werke) im Ratskeller von Salzgitter-Bad. Im Raum zwischen Goslar, Wolfenbüttel und Braunschweig begann die industrielle Entwicklung im Eiltempo und unsere Region wurde zu einer der größten Baustellen Europas. Für das damalige Bad Salzgitter vollzog sich wohl die einmalige Wandlung einer Kleinstadt zum Baustein eines großen nationalen Wirtschaftsstandortes mit der damit verbunden, plötzlichen und schnellen urbanen Ausdehnung. Für die ins Land strömenden Hüttenarbeiter und Bergleute waren von der Reichswerke Salzgitter AG im Bereich der ehemaligen Kniestedter Gemarkung ursprünglich 8000 Wohnungen geplant. Zwischen 1938-1945 wurden dann tatsächlich 5000 Wohnungen gebaut.

Am 19.Mai 1938 erfolgte der Baubeginn für die nördlich von Kniestedt gelegene Siedlung. Unter dem Einfluss nationalsozialistischer Gestaltvorstellungen entstanden Wohnanlagen mit ihrer von Steildächern geprägten Ästhetik. Die meist zweigeschossigen Häuser wurden durch großzügig angelegte Grünanlagen voneinander getrennt und im Sinne kleiner Gartenstädte ausgeformt.

Allerdings weigerten sich mit der Zeit immer wieder deutsche Arbeiter ihre provisorischen Barackenunterkünfte gegen eine Neubauwohnung einzutauschen. Viele aus dem Ruhrgebiet und anderen Regionen angeworbene Arbeiter hatten gar nicht vor, dauerhaft in Salzgitter zu bleiben. Vielmehr planten sie spätestens nach Kriegsende wieder in ihre Heimatorte zurückzukehren. Von solchen Barackenunterkünften oder Lagern gab es in Salzgitter-Bad fünf Stück (Lager 1, 2, 12, 20 und 43).

Das „Zivilarbeiterlager“ mit der Nummer 43 der „Bergbau- und Hüttenbedarf AG“ (der heutigen SMAG) wurden mit vier Baracken in Salzgitter-Bad am südlichen Ende der heutigen Friedrich-Ebert-Straße im Jahr 1944 errichtet. Die etwa 500 internierten Frauen waren vom KZ Ravensbrück und vom KZ Bergen-Belsen nach Salzgitter überstellt worden. In der „AG für Bergbau- und Hüttenbedarf“, einer Tochtergesellschaft der Hermann-Göring-Werke und in dem Zulieferbetrieb „Kleineisenwerk Salzgitter“ am Gittertor wurden sie in der Rüstungsproduktion eingesetzt.

Zwei der Wohnlager befanden sich auf Kniestedter Gebiet. Das waren die Lager 1 und 2. Lager 1 lag westlich vom Bahnhof an der Braunschweiger Straße. Der Aufbau dieses Lagers erfolgte 1938 durch eine Arbeitsgemeinschaft der Firmen Siemens Bauunion, Hochtief und den Reichswerken. In den ersten Jahren waren Deutsche vor allem aus Schlesien, Oberschlesien, Ostpreußen, Thüringen, dem Ruhrgebiet und dem Saarland im Lager 1. Die Arbeiter wurden im Tagebau Finkenkuhle und dem Gitterschacht eingesetzt.

Das Lager 2 lag im Norden von Kniestedt, in unmittelbarer Nähe der Schachtanlage Hannoversche Treue Süd (heute städt. Betriebshof). Am Aufbau des Lagers war der Reichsarbeitsdienst beteiligt. Das Lager war 1938 fertig gestellt und hieß in der Anfangszeit auch „Hannoversche Treue“. Die Belegstärke betrug in Spitzenzeiten 840 Personen die aus Bergarbeitern sowie aus Arbeitern bestand, die bei der Werkserhaltung eingesetzt wurden. Die Belegschaft stammte überwiegend aus Danzig, Schlesien, Sachsen, dem Rheinland und dem Saarland. Später kamen noch Arbeiter aus Österreich, Tschechien, Frankreich und Polen dazu.

Das Lager 12 befand sich in der zwischen der heutigen „Langen Wanne“ und Gitter an der B6. Die Baracken dienten nach dem Krieg bis 1966 als Städt. Krankenhaus.

Das Lager 20 war auf dem heutigen Parkplatz der SMAG angesiedelt. In den Baracken wurde ab 1950 noch für einige Zeit eine Mittelschule eingerichtet.

Im alten Bad Salzgitter selbst, erfolgte die Erweiterung des Orts nur begrenzt im Süden. Aufgabe der hier ansässigen Wohnbau war es laut Gesellschaftervertrag von 1926 „Minderbemittelten gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten Häusern zu günstigen Mieten zu verschaffen. Mit Blick auf die Reichswerkgründung wurde die Gesellschaft hier nur noch begrenzt tätig. Zu ihren Aufgaben zählte es nun, für den Personenkreis Wohnungen zu bereitzustellen, die im Dienstleistungsbereich den ersten Arbeitern der Reichswerke folgten und die erweiterten Verwaltungsstellen von Behörden, Polizei, Post, Eisenbahn, Gewerbe und Handel besetzen. Bis 1945 folgte am Rand der heutigen, sogenannten Südstadt der Bau von insgesamt 218 Reichsbahn- und Volkswohnungen.

Damit sich das neue Stahl-Werk wirtschaftlich gut entwickeln konnte, war eine einheitliche Verwaltungsstruktur im gesamten Raum erforderlich. Daher wurde gemäß Verordnung über Gebietsbereinigungen im Raume der Hermann-Göring-Werke Salzgitter 1941 mit Wirkung zum 1.April 1942 verfügt, einen einheitlichen Stadtkreis (kreisfreie Stadt) zu bilden. Zu diesem Zweck wurden die ursprüngliche Stadt Salzgitter und die ebenfalls zum Landkreis Goslar gehörigen Gemeinden Beinum, Flachstöckheim, Groß-Mahner, Hohenrode, Ohlendorf und Ringelheim sowie die zum braunschweigischen Landkreis Wolfenbüttel gehörigen Gemeinden Barum, Beddingen, Bleckenstedt, Bruchmachtersen, Calbecht, Drütte, Engelnstedt, Engerode, Gebhardshagen, Hallendorf, Heerte, Immendorf, Lebenstedt, Lesse, Lichtenberg, Lobmachtersen, Osterlinde, Reppner, Salder, Thiede-Steterburg (heute nur noch Thiede) und Watenstedt zum Stadtkreis Watenstedt-Salzgitter vereinigt. Die neue kreisfreie Kommune wurde mit dem verbleibenden Rest des Landkreises Goslar in das Land Braunschweig eingegliedert. Im Gegenzug gab das Land Braunschweig den Landkreis Holzminden an die preußische Provinz Hannover ab. Mit dem bereits 1940 nach Salzgitter eingemeindeten Dorf Gitter hatte die junge Großstadt somit ab 1942 zunächst 28 Stadtteile. Gitter erhielt erst 1949 den Status eines selbstständigen Stadtteils und wurde so zum 29. Stadtteil Salzgitters. Am 1.März 1974 erfolgte die Eingliederung der Gemeinden Üfingen und Sauingen (Landkreis Wolfenbüttel).

Als Basis des Zusammenschlusses mussten jedoch zunächst alle betroffenen Gemeinden zustimmen und es musste ein Name gefunden werden. Der Name „Hermann-Göring-Stadt“, der bereits im postalischen Verkehr verwendet wurde, wurde von Adolf Hitler abgelehnt.
Nach Vorschlägen wie „Eisenstadt“ oder „Salzgitter“ stimmte er schließlich dem Vorschlag „Watenstedt-Salzgitter“ zu. Statt eines Oberbürgermeisters wurde zunächst ein Staatskommissar berufen. Auf Druck des Kreisleiters der NSDAP Deinert wurde das der Goslarer Landrat Dr. Rudolf Tiedemann als alter Parteigenosse und SS-Mitglied. Der als Stellvertreter vorgeschlagene Salzgittersche Bürgermeister Herrmann Ahrens (amtierender Bürgermeister von Bad Salzgitter ab 1933) befand sich noch an der Front und konnte erst nach seiner Freistellung am 1.Oktober 1942 seinen Dienst bei der Stadt aufnehmen. Der Rat der Stadt umfasste nach der Hauptsatzung 30 Personen, diese wurden vom Kreisleiter Deinert vorgeschlagen und sollten ein Spiegelbild der Bevölkerung sein. Der Rat hatte jedoch keinen großen Einfluss, und hat nur elf Mal bis zum Kriegsende getagt. Nachdem der Reichskommissar Tiedemann im September 1944 zur Wehrmacht eingezogen wurde, übernahm sein Stellvertreter Ahrens als letztes Oberhaupt der Stadt Watenstedt-Salzgitter das Amt.

1951 wurde die Stadt in Salzgitter umbenannt. Alle Stadtteile erhielten zu ihrem Ortsnamen den Vorsatz Salzgitter. Der ursprüngliche Ort (Bad) Salzgitter, erhielt wegen seines traditionellen Kurbetriebes den Zusatz Bad, als ein Teil von Salzgitter hinter dem Ortsnamen (Salzgitter-Bad).

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