Der Bohlweg

Der Bohlweg

Der Bohlweg ist wohl die älteste Straße der alten Salzstadt und eng mit ihrer Geschichte verbunden. Die bisher nachweislich älteste Erwähnung des Bohlweges findet sich in dem 1573 angelegten Kirchenbuch von St.Mariae-Jakobi. Der Bohlweg (Bolewege) diente einst den Vöppstedter Bauern zu ihren Arbeitsstätten, dem Ort der Salzgewinnung im Bereich des heutigen Rosengartens, zu gelangen. Um die Salzquellen besser als bisher erreichen und das gewonnene Salz abtransportieren zu können, schütteten die Salzsieder im 12. und 13. Jahrhundert das Niederungsgebiet im Bereich der heutigen Altstadt stellenweise bis zu sieben Meter hoch auf. Um eine gute Zuwegung vom Dorfe Vöppstedt zu den etwa 400 Meter entfernten Salzquellen und den dort errichteten Siedepfannen zu erhalten, bauten die Vöppstedter eine Weg, der überwiegend aus Eichenholzbohlen (so entstand der Name Bohlweg) bestand.

Dieser Bohlenweg diente Jahrhunderte lang als Salzabfuhrweg und den nach und nach in das Gebiet der heutigen Altstadt umsiedelnden Vöppstedtern als Weg zu ihrer Kirche, der heutigen Vöppstedter Ruine sowie zu ihren zu bewirtschaftenden Feldern, Wiesen und Waldanteilen. Als um die Mitte des 14. Jahrhundert die Befestigung Salzgitters mit aufgeworfenen Wällen, Gräben, Mauern und Stadttoren erfolgte, räumten sich die Anwohner des Bohlwegs Sonderrechte ein. Sie bestanden darauf, dass beim Schließen des Befestigungsgürtels Raum für ausreichend große Hausgärten verblieb. Die ehemaligen Bauern wollten auch als Sieder nicht auf einen Streifen Land hinter ihrem Baugrundstück verzichten. Bei Ausschachtungsarbeiten im Jahr 1926 wurde die Lage eines Stadttores (Vöppstedter Tor) am Ende des Bohlweges lokalisiert. Die gefundenen Quader der Fundamente des Vöppstedter Tores belegten, dass zumindest dieses an der Ostseite des Bohlweges gelegene Tor im 14. Jahrhundert gestanden hat. Weiterhin wurde festgestellt, dass fast alle verwendeten Steine aus dem Steinbruch „Teufelskirche“ im Vöppstedter Forst stammten. Man entdeckte auch hölzerne Wasserleitungen an beiden Seiten des Bohlweges. Diese dienten wohl um sauberes Wasser vom Lappenspring, einer Quelle an den Greifhöhen, in den Ort zu führen. Der ursprüngliche Bohlweg liegt 3 Meter unter dem heutigen Straßenniveau.

Mit der Zeit entwickelte sich der Bohlweg zur Hauptstraße und zum geschäftlichen Mittelpunkt der Salzstadt. Aus der Entstehungszeit des Bohlweges sowie vor 1700 sind heute keine Häuser mehr erhalten. Salzgitter wurde in den Jahren 1708, 1727, 1731 und 1765 von verheerenden Bränden heimgesucht. Am 22. November 1708 vernichtete eine furchtbare Brandkatastrophe am Bohlweg und der naheliegenden Kirchstraße (heute Gutenbergstraße) insgesamt 52 Wohnhäuser. Viele, der meist kleinen Häuser wurden 1709 wieder aufgebaut.

Nach Einführung der Feuerversicherung im Fürstentum Hildesheim wurde 1765 die Nummerierung der Häuser auch in Salzgitter gesetzlich vorgeschrieben. Sie begann am östlichen Teil des Bohlweges mit den Häusern 1-18, 133, bis hin zur Nr. 185. Erst in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgte die Nummerierung nach Straßen. So wurde z.B. aus Bohlweg 133 der Bohlweg Nr. 3. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Bohlweg die bevölkerungsreichste Straße der alten Salzstadt. In den 36 Häusern lebten ca. 200 Menschen. Eine große Zahl von Handwerks- und Kaufmannsbetrieben hatten sich hier angesiedelt. So gab es mehrere Schuhmacher, Bäcker, Tischler, Sattler, Schlachter, Buchbinder, Klempner, Maler, Färber, Gastwirte usw. Auch fanden 3 Klesmermusikanten hier ihr Heim. Der Bohlweg präsentierte sich dem Betrachter um 1900 als Prachtstraße und Boulevard des alten Salzstädtchens. Reizvoll malerisch gestaltete Fachwerkhäuser mit steil abfallenden Dächern säumten die im weiten Bogen geschwungene, Fahrbahn bis hin zum Marktplatz. Leider hat der Bohlweg einen Großteil seines ursprünglichen Charakters ab Anfang 1960 verloren. Alles begann mit dem sogenannten „Bohlwegdurchbruch“. Die verkehrliche Überlastung der ehemaligen Frankfurter Straße (heute Liebenhaller Straße), und des Bohlweges bzw. Vöppstedter Tores war einer der wesentlichen Ansätze zum Beginn der Altstadtsanierung. In einem ersten Verkehrskonzept wurde eine Umfahrung der Altstadt geplant. Es wurde immer strittig diskutiert, den Bohlweg für den Durchgangsverkehr komplett zu schließen. Dies scheiterte aber letztendlich am Widerstand der ortsansässigen Geschäftsleute.

Auf Grundlage des niedersächsischen Aufbaugesetzes wurde für den Bereich der Altstadt vom 25.01.1956 bis 09.02.1959 eine Bausperre verhängt, um im Hinblick auf neue Zielplanungen Fehlentwicklungen zu verhindern. Ab 1962 wurde eine gründliche Bestandsaufnahme betrieben, die städtebauliche Missstände oder Sanierungskriterien herausstellte. So wurde der bauliche Zustand der alten Gebäude katalogisiert. Man klassifizierte die Beschaffenheit der Häuser in eine „Brandgefahrenzone“ und in die Zustandsklassen „Mittelmäßig“ und „Abbruchreif“ oder man stellte mangelnde Wohnqualität fest. Nach Auffassung der Planer ließen „strukturelle Wohnungs- und Ausstattungsmängel“ in der Altstadt die Bewohner in die Randgebiete ziehen. Man monierte zu niedrige Geschosshöhen und schlechte Isolierung. Man stellte sogar fest, welche Häuser ohne WC, Bad oder Dusche waren und kategorisierte den Bestand in Wohnungsqualität I (baulicher Zustand) und Wohnungsqualität II (strukturelle Wohnungs- und Ausstattungsmängel).

Der Aspekt des Denkmalschutzes wurde hier offensichtlich zum großen Teil außen vor gelassen. Zu vermuten ist, dass es die damalige Zielsetzung war, alte Fachwerksubstanz einer modernen Stadtplanung und Flächsanierung kompromisslos zu opfern. Und so wurde die 1. Sanierungsmaßnahme im Bereich Vöppstedter Tor/Bohlweg in Angriff genommen. Im westlichen Bereich des alten Bohlweges wurde in erster Linie Parkraum für dort ansässige Geschäfte geschaffen und in Höhe der Gutenbergstraße machte der neue Bohlweg einen Schwenk nach links um durch Gärten, ehemalige Hinterhöfe und alter Bausubstanz bis hin zur Kaiserstraße durchzubrechen. Dieser Maßnahme viel auch die Nachtbar „Zum Fässchen“ zum Opfer. Diese neue Straßenführung wurde linker Hand durch mehrgeschossige, moderne Neubauten eingefasst. Es entstanden die Gebäude „Bohlweg 18-28“ mit cirka 64 Wohneinheiten und Geschäftsräumen im Erdgeschoss.

Eins der ersten historischen Fachwerkhäuser das abgerissen wurde, war das kurz nach 1700 erbaute Haus an der Ecke Kichstraße (heute Gutenbergstraße) / Bohlweg. Es beherbergte im Untergeschoss seit Kriegsende „Schulzes Buchhandlung“ die von der Firma Danzfuß betrieben wurde. Etwas später verschwand auch das rechte Nachbarhaus, der schöne Brandes´sche Fachwerkbau. Schon im Frühjahr des Jahres 1968 stand hier der 1. Teilabschnitt eines modernen Wohn- und Geschäftshauses. Mehr und mehr veränderte der Bohlweg sein Gesicht. Immer wieder wurden Lücken in die geschlossene Kette des alten Häuserbestandes gerissen. Im Frühjahr 1967 fiel auch, unmittelbar am Kreuzungsschnitt von Wall und Bohlweg das Rathaus von Salzgitter-Bad dem Abrissbagger zum Opfer. Der ehemalige, von August Stoot (Vater von „Onkel Stoot“) betriebene Gemischtwarenladen diente seit dem 1. Juli 1925 als Rathaus. Viele junge Menschen gaben sich hier im eingerichteten Trauzimmer die Hände für den Bund zur Ehe. Etwas zurückgesetzt entstand hier die neue Verwaltungsstelle in Sichtbetonbauweise. Nach dem erfolgten Umzug ins Kleine Rathaus am Marktplatz richtete man hier eine Jugendfreizeitstätte ein.

Im März 1968 verschwand das schöne und gut erhaltene Eichenfachwerkhaus Bohlweg 22 aus dem Stadtbild. Es wurde um 1760 erbaut und hieß bei alteingesessenen Salzgitteranern „Klesmerhaus“, war doch der vorletzte Eigentümer des Hauses der Klesmermusikant Gustav Kühne. Wenigstens blieb die erste alte Eichenhaustür mit einem handgeschmiedeten Griffknauf und Klopper erhalten. Sie wurde geraume Zeit vor dem Abriss ausgebaut und in das städtische Museum nach Salder gebracht. Im August 1974 wurde die ehemalige Gaststätte „Deutsche Haus“ eingerissen. Ein Geschäftsmann errichtete an gleicher Stelle einen Neubau.  Durch die neue Verkehrsführung des Bohlweges konnte die ehemalige Durchgangsstraße „Vöppstedter Tor“ 1976 in eine Fußgängerzone umgewandelt werden. Im Eingangsbereich dieser Fußgängerzone wurde 1979 ebenfalls ein Wohnund Geschäftshaus errichtet. Die davor liegende Freifläche gestaltete man bereits 1975 mit einem Brunnenplatz.

Zu erwähnen sind auch einige positive Beispiele, die das Bild des historischen Teils des Bohlweges geprägt haben. Da wäre z.B. das östliche Gebäude „Marktplatz 1“, welches zwar ein moderner Betonbau ist, jedoch entsprechend der Gestaltungssatzung eine künstliche Fachwerkfassade erhielt. Dieser Bau erfolgte im Juli 1984. Das Gegenstück zu dieser Bebauung ist das Gebäude „Ecke Bohlweg/Gutenbergstraße“, welches nur einige künstliche Fachwerkelemente aufweist, sich aber in seinen Proportionen durchaus der historische Bebauung anpasst. „Bohlweg 29“ (ehemals Fischhaus Meding) wurde durch einen Neubau mit konstruktivem Fachwerk ersetzt. „Bohlweg 5“ (ehemals Reformhaus) sanierte man komplett unter Verwendung alter Bausubstanz und auch das Gebäude „Bohlweg 7“ wurde einmal im Jahre 1989 vollständig und noch einmal im Jahre 2004 teilsaniert. Vor der Sanierung war im Erdgeschoss eine Änderungsschneiderei angesiedelt. Auch hat sich der 1979 errichtete Neubau der Sieverschen Apotheke sehr positiv auf das Gesamtbild des Bohlweges ausgewirkt. Hervorzuheben ist das Engagement privater Investoren, die hier alte Bausubstanz pflegen und erhalten.

Die letzte bauliche Veränderung erfuhr der Bohlweg im Juli 2000. Der lang umschrittene Umbau des Bohlweges gestaltete sich in 3. Bauabschnitten. Der erste Abschnitt erstreckte sich von der Kaiserstraße bis zur Gutenbergstraße. Der 2. und 3. Bauabschnitt reichte dann weiter bis zum Marktplatz. Die Fahrbahnbreite wurde stellenweise bis auf 6 Meter eingeschränkt und es entstanden etwa 100 Stellplätze. Des Weiteren wurden entlang der Straße ca. 26 neue Bäume gepflanzt. Die Gesamtkosten des Umbaues wurden seinerzeit mit insgesamt 850.000,00 DM beziffert. Übrigens wurde der Bohlweg so umgebaut, wie es im Vorfeld mit den Anliegern und dem Ortsrat Süd abgesprochen wurde.

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