Der Schützenplatz

Der Schützenplatz

Im Juli 1952 – die Bahnunterführung Breslauer Straße stand kurz vor ihrer Vollendung – besprachen die Arbeitsgemeinschaft „Planung“ der Wirtschaftsvereinigung und der Wirtschaftsausschuss des Bürgervereines Salzgitter-Bad in Gegenwart des damaligen Stadtbaurates Kraatz Einzelheiten über die zukünftige Gestaltung des Schützenplatzes in Salzgitter-Bad. Die Pläne zum Bau eines neuen Kaufhofes in der Nähe der neuen Bahnunterführung wurden begrüßt. Die Absicht der Planer, dann auf dem Innenhof Wochenmärkte abzuhalten wurde einmütig abgelehnt. Die Stadt wurde gebeten, den Wochenmarkt, der überwiegend von auswärtigen Händlern beschickt wurde, auf den Platz vor der Apotheke an der Breiten Straße (heute Martin-Luther-Platz) oder auf den Marienplatz zu verlegen. Der Innenhof des geplanten Kaufhauses könnte Grünanlagen oder unterirdischeGaragen aufnehmen.

Weiterhin ließen sich die Anwesenden eingehend über die geplanten städtebaulichen Änderungen zwischen der Unterführung und dem Klesmerplatz unterrichten. Es wurde klar gestellt, dass im Bereich der Vorsalzer Straße erhebliche Umgestaltungen notwendig werden, um Raum für einen Bahnhofsvorplatz zu erhalten. Abweichend von den Vorschlägen des Stadtbaurates sprachen sich die Besprechungsteilnehmer dafür aus, an der Ostseite des künftigen Schützenplatzes statt des vorgesehenen Postamtes ebenfalls Geschäftshäuser zu errichten. Abschließend stellte man fest, dass die neue, noch im Bau befindliche Unterführung zwar eine Verbesserung zum Bahnübergang darstelle, aber auf Dauer nicht die einzige Zufahrt zur Altstadt bleiben könne, zumal sie nur eine begrenzte Durchfahrtshöhe habe. Eine Verlängerung der Engeroder Straße über die Gleisanlagen der Bundesbahn und der Werksbahn hinweg werden auf Dauer nicht zu umgehen sein.

Im März 1953 war es dann soweit – der neuerrichtete Verkehrspavillon am Schützenplatz wurde im Rahmen eines Platzkonzertes vor einer anschaulichen Menschenmenge, die sich um den Pavillon staute, seiner Bestimmung übergeben. Der Verkehrspavillon der die Fahrkartenstelle und das Reisebüro der KVG aufnahm, sollte gleichzeitig Verkehrsmittelpunkt für Salzgitter-Bad werden und auch dazu beitragen, den Ruf der alten Salzstadt als Kuraufenthaltsort zu fördern. Als Bauwerk stellte der Pavillon einen Glasrundbau dar, der mit einem flachen, säulengetragenen Ovaldach überdeckt war. Die hohen Fenster trugen Aufschriften und wiesen auf die Möglichkeit hin, sich in den verschiedensten Fragen bezüglich des Reiseund Stadtverkehrs Rat zu holen. Vor dem Haupteingang zum Pavillon, der auch in seiner Inneneinrichtung zur damaligen Zeit nach modernsten Gesichtspunkten gestaltet wurde, stellte man einen Leuchtkasten auf, dessen eine Seite eine genaue Übersicht der Stadt Salzgitter im Maßstab 1:25000 zeigte. Auf der anderen Seite war ein alphabetisches Straßenregister von Salzgitter-Bad zu finden. Etwas später, nach Fertigstellung der Breslauerstraße wurden hierher die Haltestellen der Omnibuslinien verlegt. Um das Gelände des Pavillons wurde eine Grünfläche mit Blumenbeeten angelegt.

Die Planung zur Bebauung des Schützenplatzes ging unverdrossen weiter. So stand fest, dass am Kopf der Häuserzeile Vorsalzer Straße bereits zu Ostern 1953 ein Geschäftshaus der Norddeutschen Bank AG (heute Deutsche Bank) errichtet werden sollte. Dazu musste das zu einem Geschäftslokal umgebaute frühere Spritzenhaus abgerissen werden. Im nördlichen Bereich des Schützenplatzes wurde dann am 28.10.1953 ein modernes Geschäftshaus der Hamburger Kreditbank (später Dresdner Bank) eröffnet. Etwas später erfolgte die Bebauung entlang der Breslauer Straße. Das ÜZH-Gebäude gegenüber wurde 1956 bezogen. Angedacht war auch, links der Hamburger Kredit Bank, das alte Stallgebäude der Pferdeschlachterei Osterkamp abzureißen und durch ein großes Viereck von Gebäuden zu ersetzen. Tatsächlich entstand hier 1960 das Wohn- und Geschäftshaus der Schützenplatzapotheke. 1955, im Zuge der Warneverrohrung am Triftweg (heute Petershagener Straße), verschwand auch die kleine Warnebrücke im Bereich der Vorsalzer Straße und der östlich am Schützenplatz fließende Warnestrom wurde ebenfalls Teil der 320 Meter langen und 5,50 Meter tiefen Verrohrung. Nach Verhandlungen mit der Besitzerin der Restgrundstücke im nördlichen Bereich des Schützenplatzes, der Wohnungs AG, entstand 1956 zwischen dem Gebäude der Hamburger Kreditbank und der Breslauer Straße eine weitere Wohn- und Geschäftszeile, und zwar das „Haus Irene“. Südlich des Pfingstangers wurde 1959 das damalige Gebäude des Amtgerichts (heute Polizeirevier) seiner Bestimmung übergeben. 1961 feierte vor der Brandwache der Stadt, auf dem ehemaligen Grundstück des bereits abgerissenen Schützenhauses, das Kaufhaus Karstadt feierlich seine Eröffnung.

Am Morgen des 29. August warteten Hunderte vor den Eingängen. Um 10.00 Uhr öffneten sich die Kaufhaustüren zum ersten Mal. Ein unendlicher Strom von Besuchern flutete durch die verschiedenen Etagen – von der Lebensmittelabteilung im Keller bis in die oberen Geschosse, wobei das Restaurant und Cafe einen besonderen Magnetismus aufzeigte. Die für dieses Ereignis extra abgestellten 30 Polizisten hatten viel zu tun. So musste das hohe Verkehrsaufkommen geregelt werden und wegen Überfüllung mussten sogar die Kaufhauszugänge zeitweise gesperrt werden. 1963 entstand an der Ecke Kaiserstraße/Schützenplatz und zwar an der Stelle des bereits abgerissenen evangelischen Pfarrhaus („Dannenbaumsche Haus“), ein weiteres Wohn- und Geschäftshaus. Im Erdgeschoß befand sich unter anderem das beliebte „Hofbräu Eck“. Weiterhin büßte 1976 der Kleine Schützenplatz einen Teilbereich bei der Umwandlung der Vorsalzer Straße zur Fußgängerpassage ein. Und so wurde der Schützenplatz, an dem fast alle Salzgitteraner viele Erinnerungen haben, ein fester und nicht weg zu denkender Bestandteil der Innenstadt von Salzgitter-¬Bad.

Bereits 1983 fiel das gewohnte Bild des Schützenplatzes zum ersten Mal den Abrissbaggern zum Opfer. Die Häuser ehemals von Dr. Lattemann (Baujahr 1929), Dr. Eise (Baujahr 1890) und die Eisbude von Caproni verschwanden aus dem Stadtbild. Die Stadt hatte die beiden Grundstücke mit einer Gesamtgröße von 2770 m² bereits 1982 angekauft. Die endgültige Gestaltung des frei werdenden Geländes war allerdings vorerst nicht klar. Angedacht war ursprünglich die Bebauung mit einem großen Geschäftszentrum. Nach dem Erwerb des Hauses Dr. Eise entdeckte man auf dem Dachboden alte Radiumbehandlungsgeräte. In einem alten, aufgefundenen Prospekt bot Dr. Eise im damaligen Solbad Salzgitter den Kurgästen die Radiumbehandlung sowie andere Spezialbehandlungen, wie zum Beispiel die „Thermopenetration“ (elektrische Durchwärmung des menschlichen Körpers) an. Dr. Eise lud auch in sein so genanntes „Emanatorium“ (ein Raum in dem das Radiumgas eingeatmet wird) ein.

Weiterhin konnten hier Radium-Trinkkuren in Anspruch genommen werden. Jedenfalls hatten Messungen ergeben, dass die gefundenen Geräte nach den Strahlungsrichtlinien eine zu hohe Dosisleistung aufwiesen. Sie mussten daher von einer Spezialfirma in zehn Fässer verpackt und abtransportiert werden. Im September 1984 legte das Stadtplanungsamt konkrete Gestaltungspläne vor. Man argumentierte, dass der Schützenplatz ohnehin zu groß für Salzgitter-Bad sei – der kleine Schützenplatz würde völlig ausreichen. Die durch eine Bebauung wegfallenden 70 Parkplätze sollten auf dem Bahnhofsgelände neu entstehen. Der Schützenplatz wurde als wertlose Grünfläche mit Stiefmütterchenbeeten angesehen. Er stellte aber anderseits eine wertvolle Baufläche für eine Geschäftsbebauung dar. Und so war es die Geschäftsführung von Karstadt, die eine unmittelbar an ihrem Gebäude angrenzenden Bebauung mit Nachdruck anregte. Hintergrundgedanke war, den Haupteingang des Kaufhauses, der durch den Platz von der Altstadt abgeschnitten war, durch Verlängerung der bestehenden Fußgängerpassage stärker mit dem Altstadtkern zu verknüpfen. Zur Umsetzung dieses Zieles wurde auch die Schließung der Breslauer Straße unbedingt erforderlich.

An einem regnerischen Mittwoch und zwar am 03. August 1988 fiel dann der alte Verkehrspavillon. Die Verkehrsinsel wurde abgesperrt und ein Bagger fing mit den Abrissarbeiten an. Es dauerte nicht lange und nur noch die freigelegte Bodenplatte erinnerte an das einstige Schmuckstück des Schützenplatzes. Am 22.09.1988 richtete man eine neue, wenn auch vorläufige Verkehrsführung ein. Am Freitag den 23.09.1988 wurde zunächst an der Südseite des Schützenplatzes ein Bauzaun aufgestellt. Die neue Verkehrsführung sollte sicherstellen, dass während der Bauzeit die Besucher der Altstadt auch weiterhin alle Bereiche der Altstadt anfahren konnten. Die Kaiserstraße blieb offen, der Bahnhof war aus Richtung Kaiserstraße allerdings nicht zu erreichen. Die nördliche Fahrbahn des Schützenplatzes entfiel ganz und die Breslauer Straße wurde für den Durchgangsverkehr gesperrt. Für die weggefallenen Parkplätze richtete man Ersatzparkplätze an der Petershagener Straße, Höhe der Klesmerstraße, ein.

Bereits im November 1988 waren die Bauarbeiten des neuen Solte Zentrums in vollem Gange und die ersten Wände waren bereits hochgezogen. Auch war im Vorfeld angedacht, unter dem Solte- Zentrum eine Tiefgarage einzurichten. Dieses Vorhaben verwarf man aber wieder, da sich in unmittelbarer Nähe die verrohrte Warne befindet und auch ein extrem schlechter Baugrund vorgefunden wurde. Nach knapp einjähriger Bauzeit wurde das Solte-Zentrum am 5.10.1989 feierlich eröffnet. Auch das Kaufhaus Karstadt feierte zur gleichen Stunde nach umfangreichen Umbauarbeiten, die mit einem Kostenaufwand von 14 Millionen DM beziffert wurden, Neueröffnung. Gleichzeitig wurde eine Uhr im 13 Meter hohen Turm des Einkaufszentrums montiert. Die Turmuhr wurde in Handarbeit gefertigt, hat einen Durchmesser von 1,50 Meter und wiegt 150 Kilogramm. Die damals 13.000,- DM teure Uhr ist über Funk mit der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig verbunden und somit auf die Sekunde genau. Ob das nun notwendig ist, bleibt offen – die Sekunden sind nicht abzulesen. Die Turmuhr hat lediglich zwei Uhrenzeiger aber kein Ziffernblatt. Die beiden Brunnen im Solte-Zentrum sollen ca. 250.000,- DM gekostet haben. Der Brunnen im Bereich der Vorsalzer Straße soll eine Blüte darstellen aus der Wasser quillt. Der östlich stehende, steinerne Brunnen zeigt ein nachgebildetes Gradierwerk.

Der geplante Umbau des sogenannten kleinen Schützenplatzes nahm im Januar 1991 endgültig Gestalt an. Geschäftsleute und Anlieger formulierten diesbezüglich einen Protestbrief an den Oberbürgermeister. Sie befürchteten, dass durch den erneuten Wegfall weiterer Parkplätze Nachteile für ihre Betriebe und Geschäfte sowie für die Mieter der Wohnhäuser entstünden. Um eine weitere Wettbewerbsverzerrung und weitere Umsatzeinbußen zulasten der im Umkreis des kleinen Schützenplatzes angesiedelten Unternehmen zu verhindern, forderten die Anlieger den Ausbau so lange zurückzustellen, bis eine Umgestaltung des Bahnhofvorplatzes in vorgesehener Form erfolgt war. Die Stadtplaner verwiesen aber nochmals auf die langfristig zu schaffenden 120 Stellplätze in der Friedensstraße und auf dem Bahnhofsvorplatz. Es half nichts – mit den Umbauarbeiten wurde noch im gleichen Jahr begonnen und 1992 erstrahlte der Kleine Schützenplatz dann nach Fertigstellung in neuem Glanz und zwar so, wie wir ihn heute kennen.

Was das ehemalige Lattemannsche Grundstück anging, war der Plan der Bebauung zwischenzeitlich vom Tisch. Das parkähnliche Gelände blieb erhalten. Es wurden einige Bäume gefällt, entlang der Kaiserstraße wurden noch vorhandene Mauern und Zäune abgerissen und der provisorische Parkplatz neben der Polizei (ehemals Autohändler Ford Liebe KG und die Imbissbude „Hapra Grill“) wurde ebenfalls mit einbezogen und grün gestaltet. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Durchgangsweg zur Albert- Schloenbach-Schule angelegt.  Dieser Verkehrsknotenpunkt der alten Salzstadt bildete den Treffpunkt des damaligen Stadtlebens. Sechs Straßen mündeten einst auf dem großen Platz, dessen Kreisverkehr täglich hunderte von Fahrzeugen bewältigen musste. Trotz der starken Frequentierung durch PKW´s, Busse und Fußgänger, luden hier rings rum diverse Lokalitäten, Bänke und gemütliche Ecken zum Verweilen ein. Ebenso konnte der gesamte Kreisverkehr von dort beobachtet werden. Und wer ein neues Auto besaß, fuhr damit zunächst ein paar Runden um den Schützenplatz um sein neues Fahrzeug bewundern zu lassen.  Noch heute trauern viele Salzgitteraner dem alten Schützenplatz mit seinem besonderen Flair und den damit verbundenen, schönen Erinnerungen mit Wehmut nach. Es stellt sich hier die Frage, ob der Innenstadt von Salzgitter-Bad eine positivere Entwicklung widerfahren wäre, wenn man alles beim Alten gelassen hätte.

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