Die Altstadtschule

Die Altstadtschule

Unlöslich verbunden mit der Geschichte der Altstadt von Salzgitter-Bad ist die Schulgeschichte. Gab es in größeren Städten schon früh Dom- Stifts- und Klosterschulen, waren es im Bereich von Salzgitter nur bescheidene Schulen, die den Nachwuchs an Gehilfen für die Kirche sichern sollte. Die Schulen wurden, wie in Salzgitter, selbst von der Kirche eingerichtet. Es waren sogenannte Pfarrschulen. Alte Urkunden deuten darauf hin, dass eine solche Schule in Salzgitter schon längere Zeit vor der Reformation bestanden hatte. Zwei Jahre nach der Reformation (1542) wird hier die Anstellung eines Capellans gefordert, der auch die Schulen mit übernehmen sollte. Die Schule in Salzgitter wird, bis nach dem 30jährigen Krieg, stets von einem Kaplan, Diakon oder einem Opfermann (Küster) geleitet. In den dörflichen Orten in der Nähe von Salzgitter gab es schon früher Handwerker als Schulmeister. In den Schulen wurden, dem Zweck ihrer Ausbildung entsprechend, nur Jungen aufgenommen. Bevorzugt wurden Latein geschrieben. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verlangten die Bauern, dass der Opfermann die Kinder den Katechismus in Deutsch lehrte.

Die erste Schule im alten Salzgitter stand als Fachwerkanbau an der Südseite des Ratskellers. Er wurde 1912 abgerissen. Sie, die Vorgängerin der heutigen Altstadtschule, ist nach den Visitationsprotokollen 1542 von der Obrigkeit revidiert worden. Im zweiten Stockwerk dieser kaum 60 qm Grundfläche enthaltenen Schule haben, teilweise noch im 19. Jahrhundert, Generationen salzgittersche Bürger Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch die „Kunst“ gelernt, die Protokolle der Ratsversammlungen so stilsicher und gedankenklar zu formulieren, wie biederen Handwerksmeister und Ackerbürger als „Ratsverwandte“ insbesondere im 18. Jahrhundert taten. Der Überlieferung nach hat dieses Schulhaus während der Freiheitskriege dem Landwehrbataillon Salzgitter anfangs als Kammer und später als Arrestlokal gedient. Nach dem 30jährigen Krieg strebte die Obrigkeit eine Erweiterung des Schülerkreises an. Die Eltern aber lehnten sich gegen den Schulzwang auf. In Salzgitter aber war das Lehrnbedürfnis so groß, dass ein zweiter Lehrer eingestellt werden musste. Die Besoldung der Lehrer war kläglich, der Schulraum eng und die Wohnung der Lehrer unzureichend.

Die Stadt verarmte nach dem Verlust des Salzwerkes. Die Schule war mehr und mehr auf die Gnadengeschenke des Herzogs von Braunschweig angewiesen. Sie bekam ein paar Pfennige von jedem „gesottenen Werk“ (sechs Körbe Salz), damit die Schule unter Dach und Fach gehalten werden konnte.  1643 wurde Salzgitter wieder „hildesheimisch“. Die Landherren und Bischöfe wünschten, dass die Kinder regelmäßig zur Schule kamen, die gedruckte Schrift lesen lernten und die Eltern Schulgeld zahlten. Die Kinder wurden aber nach Willen der Eltern häufig vom Schulbetrieb ferngehalten. Wie eine im Jahre 1964 restaurierte Tafel an der westlichen Giebelseite des Altstadtschulgebäudes bekundet, schenkte Ludwig Gercke (1795-1876) und seine Schwester Minna Jacobi (1799-1872) der Gemeinde ein neues Schulhaus, das Ostern 1866 bezogen wurde. Das neue Gebäude hatte vier Klassenräume und vier Lehrerwohnungen. 1897 wurden durch einen Erweiterungsbau vier weitere Klassenräume und vier Dienstwohnungen geschaffen. Bis 1937 reichte das Schulgebäude, dann aber begann eine wahre Notzeit für die Schule, die sich erst ein wenig lichtete, als für die inzwischen auf 2000 angewachsene Schülerzahl 1940 die Schule am Ziesberg und 1941 die Schule am Eikel gebaut wurden.

Nach dem 2. Weltkrieg musste die Schule dann zwei Jahre für freigelassene polnische Zwangsarbeiter und polnische Kindern überlassen werden. Über der Eingangstür hing in dieser Zeit ein Schild mit dem polnischen Adler. Nach 1947 wurde dann in einer hoffnungslos überfüllten Altstadtschule in drei Schichten Unterricht von 7 bis 18 Uhr erteilt. Jedes Kind bekam damals vom Roten Kreuz eine warme Mahlzeit. Nach Kriegsende trat der in Salzgitter bestens bekannte Lehrer und Heimatforscher Franz Zobel, obwohl damals als Schulrat tätig, kurzfristig das Amt des Rektors an. In der Mitte der 50er Jahre wurden immer noch weit über 1100 Schüler unterrichtet. Noch 1962 waren es 900 Schüler. Endgültig wurde die Schulraumnot in der Altstadtschule allerdings spürbar vermindert, als die Wiesenschule bezogen werden konnte. Die Schülerzahl sank auf 332.

Der Stifter, Kommerzienrat Gercke, war ein bescheidener Mann. Maßvoll in seinen Ansprüchen, dabei reich und wohlhabend. Außer der Schule gründete er noch ein Pflegehaus (das spätere und bereits abgebrochene Gildehaus) und stiftete Lagate zur Unterstützung der Armen. Er liebte gern Geselligkeit und suchte frohe Gemeinschaft. Er gehörte zu den Gründern des heute noch bestehenden „Liederkranzes“ von 1867. Am 6. November 1964 feierte die Altstadtschule ihren 100. Geburtstag. Die Schulkinder gingen auf einem Elternabend im großen Saal des Ratskellers mit einem Lichtbildervortrag auf die Geschichte Salzgitters ein. Des Weiteren wurde der Jubiläumstag zum Anlass genommen, in einem Klassenzimmer Fotos und Aufzeichnungen auszustellen, die Aufschluss darüber gaben, wie das alte Salzgitter um die Jahrhundertwende und davor ausgesehen hat. Sie ließ auch erkennen, wie sehr die Geschichte der Schule mit der des alten Salzgitter in Zusammenhang gestanden haben mochte. Salzgitteraner Familien stellte alte Familien- und Schulfotos zu Verfügung. Aber auch Fotoaufnahmen des „Ortsoriginals“ K. Stoot waren zu sehen. Am Allerseelentage versammelten sich Schüler- und Lehrerabordnungen am Mausoleum der Gercke-Jacobi an der Vöppstedter Ruine, um in der Woche des Schuljubiläums Kränze niederzulegen.

Genau ein Jahr später, im November 1965, feierte die 5. Klasse der Altstadtschule ein besonderes Ereignis. Die Schulkinder mit ihrer Klassenlehrerin Fräulein Zobel übernahmen die Pflege eines Ringwanderweges. Der Wanderweg hatte die offizielle Bezeichnung „Rundwanderweg 1“ und begann am Ende der Bismarckstraße. Alle Kinder der Klasse 5, einige ehemaligen Schülerinnen und Schüler der Schule und die Jugendgruppe der Deutschen Wanderjugend im Harzklub-Zweigverein versammelten sich vor der Altstadtschule, um dann gemeinsam zum Greifpark zu gehen. Hier wurde über das Schild, das Beginn und Ende des Ringwanderweges bezeichnete, ein weiteres Schild angebracht, das folgende Aufschrift trug: „Dieser Rundwanderweg wird von Schülern der Altstadtschule betreut“.

Der Vorsitzende der Harzklub- Zweigvereines Salzgitter, Horst Körner, dankte Fräulein Zobel und den Kindern für die Bereitschaft, den Wanderweg zu pflegen. Er erläuterte die Aufgabe, die darin bestehe ein oder zweimal im Jahr den Weg abzugehen, Schilder zu erneuern und Äste oder Zweige, die in den Weg hineinreichen, abzuschneiden. Körner meinte der Harzklub sei besonders erfreut darüber, dass Fräulein Zobel mit ihrer Klasse diesen Weg übernehme, da er durch ein historisch interessantes Gebiet führe, die Grenzlerburg anschneide und am Plünneckenbrunnen vorbeilaufe. Alle diese historischen Stätten erinnerten immer wieder an den Heimatforscher Franz Zobel, dem es zu verdanken sei, dass das Gedankengut vergangener Zeiten erhalten und die Erinnerung der Menschen zurückgerufen wurde. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die Stadt Salzgitter plane, den Plünneckenbrunnen auszubauen, so das dadurch der Ringwanderweg einen besonderen Reiz erhalten werde. Zur Feier des Tages übergab der Vorsitzende dann dem Klassensprecher eine Tüte mit Bonbons, die recht schnell verteilt und auch aufgegessen waren. Anschließend wurde ein Stück auf dem Ringwanderweg gewandet. Dabei wurde den Kindern erklärt, dass sie nur auf die angebrachten Zeichen, ein gelbes Dreieck in einem gelben Kreis, zu achten brauchten, wenn sie wieder genau auf die Bismarckstraße kommen wollten. Die Wanderung auf dem Ringwanderweg dauerte ungefähr zwei Stunden. Die Kinder wurden gebeten, auch ihre Eltern und Bekannten für eine Wanderung auf dem nun von ihnen gepflegten Wanderweg zu gewinnen.

 

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