Die Kniestedter Straße

Die Kniestedter Straße

Als Ende der 1930er Jahre die großen, neuen Siedlungen auf Kniestedter Gebiet entstanden und Tausende, angeworbene Arbeiter nach Salzgitter kamen, dauerte es nicht lange und die wenigen Geschäfte in der Altstadt reichten nicht mehr aus, um die schnell anwachsende Bevölkerung zu versorgen. In den 40er Jahren konnten die drei eingerichteten Versorgungsbetriebe sowie die vielen kleinen Läden innerhalb der Siedlungen nicht mehr alle Bedürfnisse des täglichen Lebens abdecken.

Nach Kriegsende lebten etwa vier Fünftel aller Bewohner Salzgitters nördlich der Braunschweiger Straße. Wie eine Zählung feststellte, gingen täglich 16.500 Personen über die Kniestedter Straße, die noch bis Anfang der 50er Jahre bis hinunter zum Schützenplatz reichte. Somit stellte sie den Hauptverbindungsweg zwischen der Altstadt und den Siedlungen dar. Die Bürger gingen morgens zu den großen Betrieben, zur Reichs- und Werksbahn, zum Arbeitsamt, zum Wirtschaftsamt, zur Krankenkasse oder zur Hauptpost. Sie tätigten ihre Einkäufe in der Altstadt, die im Gegensatz zu den Siedlungen ein Zentrum von Läden aller Branchen aufwies. Sie besuchten Veranstaltungen im Schützenhaus, in der Bergbau AG oder im Saalbau- Lichtspiele (Odeon-Kino). Dies war einer der wesentlichen Gründe, die dazu führte, die Kniestedter Straße zu einer Geschäftsstraße auszubauen.

Einen sichtbaren Beweis für die Rentabilität dieses Handelplatzes gaben wohl die Straßenhändler, die kurz nach der Geldreform dort ihre Stände aufstellten und später in mehr oder weniger ansehnlichen Buden überwinterten. Kaufleute hatten sich dann mit den anwohnenden Grundstücksbesitzern in Verbindung gesetzt und Grundstücke für Ladengeschäfte gepachtet. Das städtische Bauamt genehmigte damals 16 Bauanträge, unter der Bedingung, dass bei der Ausführung genau nach den Plänen des Bauamts gearbeitet wurde. Ausgegebene Musterblätter sahen vorerst Provisorien vor, die – obgleich stabil und in gefälliger Form – einen verhältnismäßig geringen finanziellen Aufwand erforderten. Entsprechende Pläne für eine endgültige Bebauung lagen allerdings nicht vor.

Das Bauamt sah in diesem Projekt eine willkommene Lösung des Geschäftsraummangels. Es entwickelte sich ein Ladenzentrum und es unterblieb weitere zweckentfremdende Benutzung von Wohnraum für Geschäftszwecke. Für die Konsumenten war dieses Vorhaben besonders bequem, da es sich um eine für den Fahrverkehr nicht zugelassene Straße handelte und die Entfernung zwischen Siedlung und Geschäftsviertel bedeutend verringert wurde. Außerdem bot die Lage der neuen Geschäfte und die Beschaffenheit der Straße dem Kunden eine enge Verbindung der einzelnen Läden.

Die Holzkioske, die bisher den Straßenrand schmückten, verschwanden wieder. Soweit ihre Inhaber nur eine Genehmigung für „ambulantes Gewerbe“ hatten, benötigten sie eine Einzelhandelsgenehmigung, um ihr Geschäft weiterzuführen. In den bereits genehmigten Geschäften waren Textilien, Blumen, Süßwaren, Farben und Lacke, Wildbret und Geflügel und Schuhe vertreten. Daneben entstanden die Filiale einer Färberei, eine Stehbierhalle und ein Haus für Gebrauchsgegenstände, das den Charakter eines Kaufhauses hatte. Die Pächter waren zum Teil alteingesessene Firmen, die eine Filiale eröffneten, Gewerbetreibende die eine Einzelhandelsgenehmigung erhalten hatten und Flüchtlinge, die ihren verlorenen Betrieb neu errichteten. Später kamen noch weitere Geschäfte hinzu wie z.B. ein Gemüsehändler, ein Eiscafe, ein Strumpfladen, ein Milchladen, mehrere Gastwirtschaften und ein Kino – um nur einige zu nennen.

Am Donnerstag, den 20.11.1952 wurde an der Ecke Kniestedter Straße / Helenenstraße ein Konsum in einem neuen Wohn- und Geschäftshaus eröffnet. Bauherr war die Konsum- Genossenschaft Salzgitter. Die Gestaltung des Ladenraumes stellte sich für damalige Verhältnisse äußerst modern dar. Die mit hellen Fliesen ausgelegte Feinkostecke, wie auch die moderne Kühlvitrine mochte noch manchem Kunden als selbstverständlich erscheinen aber die wasserberieselte Schaufensterscheibe, hinter der sich die Auslage von Obst und Gemüse befand, durfte doch bei vielen Kunden großes Staunen hervorgerufen haben. Doch nicht nur für das Auge und für die Warenpflege waren neue, bisher unbekannte Dinge geschaffen worden. Die Bedienungsweise in dieser konsumgenossenschaftlichen Verteilungsstelle wurde quasi revolutioniert. „Tempo“ oder „Schnellbedienungsläden“ nannte man solche Einkaufsstätten. Ziel war es, den Kunden mit aller Freundlichkeit fachgerecht und individuell zu bedienen und nach erfolgreichem Einkauf mittels maschinellen Zusammenrechnens der Kaufsumme schnellstens abzufertigen. Dieser „Tempo-Laden“ in Salzgitter-Bad war neben Hamburg in der Bundesrepublik der Erste, der errichtet wurde.

Die 70er und frühen 80er Jahren läuteten das Ende vieler dieser Läden ein. Denn zwischenzeitlich erwuchs ihnen Konkurrenz durch neue Geschäfte in der Altstadt und um den Martin-Luther-Platz. In dessen Folge wurde aus einer der belebtesten Einkaufstraßen in Salzgitters Traditionsstadtteil ein Straßenzug, der zeitweise zum Teil die Ausstrahlung eines Elendsviertels hatte. 1974 lief im „Scala- Kino“ mit seinen 436 Sitzplätzen der letzte Film. Wo einst Schaufenster zum Verweilen einluden, sorgten Holzverschläge für einen hässlichen Anblick, Plakate verunzierten die noch intakten Glasscheiben und aufgesprühte Politparolen verunzierten die Fassaden.

1991 erhitzten besonders die im oberen, östlichen Teil befindlichen Häuser mit ehemals fünf Geschäften die Gemüter der Anwohner. Der Eigentümer dieser Häuser, ein Spielhallenbetreiber aus Wolfenbüttel, habe die Objekte einige Jahre vorher gekauft, um dort zwei Einzelhandelsgeschäfte und einen Spielhallenbetrieb zu errichten. 1987 hatte er dann für das Objekt eine Nutzungsänderung beantragt, um eine Spielhalle bauen zu können. Die Nutzungsänderung wurde seitens der Stadt nicht genehmigt, da der Bebauungsplan die Errichtung von Spielhallen in diesem Bereich nicht erlaubt. Der Spielhallenbesitzer, der nach eigenen Angaben bereits etliche tausend Mark in die Planung investiert hatte, wollte der Stadt das Grundstück gegen ein passendes (spielhallentaugliches) Ersatzgrundstück überlassen. Dieses Angebot schlug die Stadt aus. Da der Eigentümer beabsichtigte, die Gebäude auch weiterhin leer stehen zu lassen, bewirkte die Verwaltung vor Gericht das Wiederkaufsrecht auf die Gebäude, um an gleicher Stelle dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Zu gleicher Zeit meldeten sich bereits mehrere Investoren ohne Spielhallenambitionen. Und so wurde diese ehemalige Geschäftsreihe, in der einige Jahre vorher Blumen und Wurstware verkauft, Bratwurst oder Bier angeboten wurde, im August 1993 abgerissen. An gleicher Stelle entstand etwas später ein Mehrfamilienhaus.

Doch die Diskussionen um die Kniestedter Straße rissen nicht ab. „Die Kniestedter Straße ist ein Schandfleck für die Stadt“ empörten sich viele Bürger und stießen mit ihrer Verärgerung auf Verständnis bei der Kommunalpolitik. Ein entsprechender Bebauungsplan, der ein Mischgebiet vorrangig mit Wohn- und zweitrangig mit Gewerbebebauung vorsah, lag bereits mehrere Jahre vor. Doch da die Stadt nicht Grundstückseigentümer war, musste die Initiative den Privateigentümern überlassen werden. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Eigentumsverhältnisse dieser „fliegenden Bauten“ aus der Zeit nach 1945 völlig verworren waren. Der nördliche Teil der Kniestedter Straße veränderte bereit Ende der 80er Jahre sein Gesicht. Nach dem Abriss der Gaststätte „Zum Kniestedter“ und des „Eiscafe Rexin“ entstand hier ein Parkplatz, der noch heute an ein alteingesessenes Kniestedter Terrazzo- und Grabsteingeschäft grenzt. Die Gebäude des Gemüsehändlers Gerle und das Reese´sche Haus machten 1989 dem Neubau eines Autohändlers platz. Wo einst das Kino Scala stand, wurden Eigentumswohnungen errichtet und auf dem Gelände des Elektrogeschäftes Wippermann entstand ein Wohn- und Geschäftshaus. Die Straße wurde in eine verkehrsberuhigte Zone umgewandelt.

Trotz aller privaten und städtischen Bemühungen scheint die Kniestedter Straße ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Nur noch persönliche Erinnerungen wie beispielsweise an das Milchgeschäft Zenser, dem Twenclub, Schlachterei Grittner, Western-Shop, Zum Bratwurstglöckle, Gaststätte Zum Grubenlicht oder Samos zeugen noch vom alten Glanz vergangener Tage.

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