Das ehemalige Dorf Kniestedt

Das ehemalige Dorf Kniestedt

Das Geschlecht derer von Kniestedt kam wahrscheinlich unter Ludwig dem Frommen 818 aus Böhmen in unsere Gegend. Der Ort Kniestedt wird erstmals in einer Urkunde des Papstes, die sich mit dem Kloster Ringelheim befaßt, am 6.Juni 1209 erwähnt. Die Adels-Herren von Kniestedt, die seit Gedenken mit dem eigenständigen Dorf Kniestedt eng verbunden gewesen waren, besaßen drei der größeren Besitzungen, aufgeteilt in einen Ober (Stamsitz)-, Mittel- und der ehemalige Walhof, auch Unterhof (Kniestedter Gut an der heutigen Braunschweiger Straße neben der Kirche) genannt. Dort baute Julius von Kniestedt 1698 das noch heute erhaltene Kniestedter Herrenhaus. Außerdem gab es ca. 12 weitere bäuerliche Anwesen, einen Bäcker, Schlachter, Gastwirtschaft, vier Lebensmittelläden, einen Kohlenhändler, zwei Getreidehändler, einen Schuhmacher, einen Gärtner, einen Steinmetz, eine Schmiede, einen Tischler und einen Stellmacher. Das umliegende Land bestand aus fruchtbaren Äckern, Wiesen und Weiden sowie herrlichen Wäldern. Auch der Bahnhof von Bad Salzgitter, die Eikelmühle sowie der Bismarckturm auf dem Hamberg befand sich auf Kniestedter Gebiet. Die St. Nikolai (Kniestedter) Kirche soll etwa vor dem 15.Jahrhundert erbaut worden sein. Die Familiengruft des Adelsgeschlechts befand sich hier unter dem Altar.

Seit Gedenken bewahrte sich Kniestedt seine Autonomie und wehrte immer wieder das Eingliederungsbestreben Salzgitters ab. Die Kniestedter hielten immer an ihrem Grund und Boden fest und verwehrten sogar dem einflussreichen Kniestedter Grundbesitzer Dannebaum seine Testbohrungen nach Kali am Fuße des Hamberges auszuweiten.

Am 1. April 1938 verlor die Gemeinde Kniestedt mit 842 ha Land und ca.600 Einwohnern seine doch so geschätzte Eigenständigkeit und wurde nach Salzgitter eingemeindet. Nachdem die Reichswerke für Erzbergbau und Eisenhütten Hermann Göring AG am 15.Juli 1937 im Ratskeller gegründet wurden, begann die industrielle Entwicklung in unserer Region im Eiltempo. Auf Beschluss des damaligen Regierungspräsidenten wurden alle Ländereien Kniestedts gegen entsprechende Entschädigungen (überwiegend Ausgleichsländereien im Osten Deutschlands) enteignet. Für die ins Land strömenden Hüttenarbeiter und Bergleute wurden zwischen 1938-1945 von der Reichswerke Salzgitter AG im Bereich der ehemaligen Kniestedter Gemarkung 5.000 Wohnungen gebaut (laut „II. Sofortprogramm“ waren ursprünglich sogar 8000 Wohnungen geplant). Der Architekt Herbert Rimpl (1902-1978) und seine 700 Mitarbeiter wurde seinerzeit beauftragt, im Gebiet von Salzgitter die Wohn- und Verwaltungsbauten der Reichswerke, so auch das neue Kniestedt, zu entwerfen. Die Planung und Oberbauleitung für Kniestedt wurde Willy Kirchner übertragen. Fritz Rechenberg erarbeitete dazu den Plan für die Infrastruktur. Ein erstes Musterhaus konnte schon am 1. Mai 1938 von einem aus Ostpreußen stammenden kaufmännischen Angestellten, der noch 20 Jahre später hier wohnte, bezogen werden. Am 19. Mai 1938 erfolgt der Baubeginn für die nördlich von Kniestedt gelegene Siedlung. Unter dem Einfluss nationalsozialistischer Gestaltvorstellungen entstanden Wohnanlagen mit ihrer von Steildächern geprägten Ästhetik. Die meist zweigeschossige geschlossene und offene Bauweise wurde durch großzügig angelegte Grünanlagen voneinander getrennt und im Sinne kleiner Gartenstädte ausgeformt. Ausgangspunkt für die städtebauliche Konzeption war es, den Ortsmittelpunkt auf den höchsten Punkt anzusiedeln und die Bebauung danach auszurichten. Die einzelnen Siedlungformen waren in sich verschieden konzepiert. So baute man im nördlichen Abschnitt fast ausschließlich Kleinsiedlerstellen als freistehende Einfamilienhäuser oder Reihenhäuser, im südlichen Bereich, in der Nähe von Kniestedt entstand eine verdichtete Siedlungsform, in der eine sehr auffällige Abgrenzung durch bis zu 300 Meter lange Häuserzeilen innerhalb der Bebauung und an ihrem Rande angewendet wurde.

In diesen so geschaffenen Kleinsiedlungen unterschied man vorwiegend zwischen „Volkswohnungen“ und „Kleinwohnungen“. „Volkswohnungen“ waren Kleinwohnungen für minderbemittelte und kinderreiche Bergarbeiterfamilien mit festgesetzter Höchstmiete. Sie hatten die Größe und Form von Doppel- und Reihenhäuser mit Landzulage für Stall und Garten. Die „Volkswohnungen“ wurden in einer flachen Bauweise errichtet, um die einzelnen Familien in eine gesunde Verbindung mit dem Heimatboden zu bringen. Als „Kleinwohnungen“ bezeichnete man Mietwohnungen mit einer Wohnfläche 32m² und 45m². Diese Wohnungen wurden in Form der Geschossbauweise als Mietwohnungen geplant, deren Grundfläche und Raumaufteilung je nach Kinderzahl der Kleinfamilie standardisiert wurde.

Allerdings weigerten sich mit der Zeit immer wieder deutsche Arbeiter ihre provisorischen Barackenunterkünfte gegen eine Neubauwohnung einzutauschen. Viele aus dem Ruhrgebiet und anderen Regionen angeworbene Arbeiter hatten gar nicht vor, dauerhaft in Salzgitter zu bleiben. Vielmehr planten sie spätestens nach Kriegsende wieder in ihre Heimatorte zurückzukehren.

Von diesen Barackenunterkünften oder Lagern gab es in Salzgitter-Bad fünf Stück (Lager 1, 2, 12, 20 und 43). Zwei der Lager befanden sich auf Kniestedter Gebiet. Das waren die Lager 1 und 2. Lager 1 lag westlich vom Bahnhof an der Braunschweiger Straße (im Bereich der späteren Gaststätte „Hühnerdieb“). Der Aufbau erfolgte 1938 durch eine Arbeitsgemeinschaft der Firmen Siemens Bauunion, Hochtief und den Reichswerken. Anfang Mai 1945 waren hier 814 Männer untergebracht. In den ersten Jahren waren Deutsche vor allem aus Schlesien, Oberschlesien, Ostpreußen, Thüringen, dem Ruhrgebiet und dem Saarland in Lager 1. Die Arbeiter wurden im Tagebau Finkenkuhle und dem Gitterschacht eingesetzt. Im Mai 1941 bestand das Lager aus 16 Mannschaftsbaracken, einer Verwaltungsbaracke, einer Wirtschaftsbaracke mit Küche und Speisesaal sowie drei Wasch- und Abbortbaracken. Nach Kriegsende beschlagnahmte die Militärregierung das Lager. Zeitweise waren hier an die 1800 Deutsche und Italiener untergebracht, die auf ihre Umsiedlung warteten oder in ihr Heimatland zurückgebracht werden sollten. 1950 beherbergte das Lager 64 Flüchtlingsfamilien mit fast 300 Personen.

Das Lager 2 lag im Norden von Kniestedt, in unmittelbarer Nähe der Schachtanlage Hannoversche Treue Süd. Am Aufbau des Lagers war der Reichsarbeitsdienst beteiligt. Das Lager war 1938 fertiggestellt und hieß in der Anfangszeit auch „Hannoversche Treue“. Die Belegstärke betrug in Spitzenzeiten 840 Personen die aus Bergarbeitern sowie aus Arbeitern, die bei der Werkserhaltung eingesetzt wurden. Die Belegschaft stammte überwiegend aus Danzig, Schlesien, Sachsen, dem Rheinland und dem Saarland. Später kamen noch Arbeiter aus Österreich, Tschechien, Frankreich und Polen dazu. Zum Kriegsende bestand das Lager aus vier Wohn-, einer Verwaltungs-, einer Küchen-, zwei Wasch- und einer Abortbaracke. Zum Kriegsende beschlagnahmte die Besatzungsmacht das Lager. Danach war es mit 400 Polen und Franzosen belegt. 1950 wurde der größte Teil des Lagers abgerissen. In einigen der restlichen Baracken richteten sich kleine Gewerbebetriebe ein. Im Herbst 1950 lebten hier auch vier Familien mit 19 Personen.

Vier „Werkskaufhäuser“ und 15 private Ladenbauten versorgten die Wohnsiedlungen bis 1945. Drei Schulen wurden bis 1942 gebaut. Die meisten dieser Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.

Viel ist nicht mehr geblieben, vom ursprünglichen Kniestedt. Man findet hier heute die Tal- und Waldsiedlung, die Ost-, West- und Hambergsiedlung. Einige Namensgebungen, wie Am Eikel, Schule am Ziesberg oder Kniestedter Straße, erinnern noch an die ehrwürdige Gemeinde. Vor noch gar nicht so langer Zeit musste das letzte Fachwerkhaus des Mittelhofes an der Burgundenstraße einem Supermarkt weichen.Das nachfolgende Bildmaterial vermittelt Ihnen einen kleinen Einblick in die wechselvolle Entwicklung Kniestedts, dessen Geschichte nicht völlig vergessen werden sollte.

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