Das Gildehaus

Das Gildehaus

in Bad Salzgitter

Das frühere Gildehaus war eine Stiftung des Kommerzienrates Ludwig Gehrke und seiner Schwester Minna Jacobi aus Salzgitter. Ludwig Gehrke war durch einen einträglichen Wollhandel vermögend geworden und hatte bei dieser Stiftung an die Armen seines Heimatortes gedacht. Es gab damals noch keine öffentliche Wohlfahrtsunterstützung und viele Einwohner, die seit dem Verlust der Saline in bitterste Armut geraten waren, mussten von den notdürftigen und seltenen Zuwendungen der „Armenkasse“ leben.  Ludwig Gehrke und Minna Jacobi vermachten deshalb dem Flecken Salzgitter eine Stiftung, die aus barem Geld bestand, unter der Voraussetzung, dass damit ein Kranken- und Pflegeheim für die alten und gebrechlichen Einwohner Salzgitters eingerichtet wird.

1874 lag den damaligen Fleckenkollegien der Bauplan für das Haus vor. Minna Jacobi hatte 75.000,00 Mark als Stiftung für dieses Haus eingebracht und ihr Bruder legte noch einmal 9.000,00 Mark zu den Baukosten zu, so dass die Gemeinde finanziell nicht mit diesem Bau und seinem späteren Betrieb belastet wurde. 1876 errichtete man das Pflegehaus gegenüber der Vöppstedter Ruine, dass zwischen 1915 und1919 auch als Lazarett und Desinfektionsstation genutzt wurde.  Zwischen den Kriegen 1870/71 und 1914 trat jedoch ein erheblicher Wandel in der Sozialgesetzgebung ein, die nach dem 1.Weltkrieg noch bedeutend erweitert wurde. Demnach wurde die öffentliche Hand verpflichtet, sich den sozial Schwachen anzunehmen so dass der Betrieb als Pflegehaus nicht mehr aufrechterhalten werden konnte.  Das Stiftungskapital wurde von der Inflation von 1914 bis November 1923 restlos aufgesaugt. Die Stiftungsurkunde wurde  dann dahin geändert, dass  die Stadt die aus der Vermietung des Hauses zufließenden Einnahmen verwenden konnte.

Zunächst wurde das Haus als Wohnhaus an einen Industriekonzern vermietet. In den zwanziger Jahren richtete die evangelische Frauenhilfe darin ein Erholungsheim ein. Diesen Zweck erfüllte das Gebäude  dann bis 1938. Als die Industrialisierung  des Salzgittergebietes begann, musste die Stadtverwaltung die Frage lösen, ob aus dem Erholungsheim ein neues Rathaus oder ein Hotel entstehen sollte. Die Stadtverwaltung verzichtete darauf, das Gebäude für sich zu verwenden und brachte ihre Dienststellen anderwärtig unter. Nach erfolgtem Umbau wurde das in „Niedersächsische Hof“ getaufte Hotel am Dienstag, dem 1. März 1938 in Gegenwart von Landrat Rothberg, der Stadträte  und Bürgermeister Ahrens eröffnet. Zu den Gästen zählten auch Vertreter der Partei, der Deutschen Arbeiterfront, der Reichswerke und des heimischen Handwerks.

In seiner Eröffnungsrede führte Bürgermeister Ahrens aus, dass mit Fertigstellung des Hotels sein Wunsch erfüllt wurde, den vielen auswärtigen Besuchern, welche  infolge der wirtschaftlichen Entwicklung des Aufbaugebietes in Salzgitter Aufenthalt nehmen, eine weitere angenehme  Hotelunterkunft bieten zu können.  Der Name „Niedersächsischer Hof“ soll sie aber daran erinnern, dass sie sich hier im Herzen des alten deutschen Stammlandes Niedersachsen befinden. Als Oberhaupt der Stadt übergab Bürgermeister Ahrens damit offiziell das neue Hotel an seinen Wirt, Hotelier Friedrich Reitze. Das Hotel war für damalige Verhältnisse modern eingerichtet. Der in U-Form durch das Haus führende Hotelflur war mit roten Kokosläufern ausgelegt. Alle Hotelzimmer waren mit fließendem Warm- und Kaltwasser  ausgestattet. Insgesamt verfügte das Hotel auch  über vier Bäder.

In Hochparterre lagen zur rechten Hand ein Clubzimmer und ein Lese- und Schreibzimmer zur Linken. Die gemütlich eingerichtete  Gastwirtschaft hatte eine eigene Eingangstür außerhalb des eigentlichen Hotelbetriebes. Fast zwei Meter hoch umfasste hier eine  kaffeebraune Holzverkleidung die Wände. Die restlichen Wandflächen waren mit einer beigefarbenen Leinentapete versehen. Die Fenster und Türen waren in Altgold gehalten. Der Tresen befand sich in einer vertieften Nische. Im Gastraum befanden sich vier Ecksofas sowie zwei weitere Sofas. Als Beleuchtung wurden flache und gerundete Mattglaskörper verwendet, unter  teilweiser Benutzung von großen Holzschnitzwerken. Die Theke mit der Ausgabe stand in unmittelbarer Verbindung mit dem Abwaschraum und der großen, gut eingerichteten Küche. Im Außenbereich wurde im Abschluss des Grundstücks zur Straße hin eine Backsteinmauer errichtet und ein befestigter Weg zum Vorfahren für Autos angelegt.

Damit erhielt Salzgitter ein Hotel für die in diesen Jahren des Aufbaues ins Land strömenden Fremden. Es waren Architekten, Landvermesser, Geschäftsreisende und Behördenvertreter, die hier ein Unterkommen suchten. Viele von ihnen mussten vorher in Braunschweig, Goslar, Hildesheim oder gar in Bad Harzburg übernachten und täglich den Weg bis nach Salzgitter zurücklegen. 1945/46 bezogen hier alliierte Truppen ihr Quartier. Später diente das Haus als Unterkunft für Flüchtlinge. Auch nach dem Kriege, ab dem 01.04.1950, wurde das Haus wieder als Hotel betrieben. Am 11. Dezember 1958 kaufte es die Kreishandwerkerschaft als „Gildehaus“ und richtete hier ihre Geschäftsstelle ein. Der Hotel- und Restaurantbetrieb wurde weiter aufrechterhalten.

Doch der Zahn der Zeit nagte an dem geschichtsträchtigen Gebäude. 1977 wurden notwendige Renovierungen immer notwendiger. Auch als Hotel war das Haus nicht mehr geeignet, da die Zimmer nicht mehr über den zeitgemäßen Mindestkomfort eines einfachen Hotels verfügten. Deshalb wurde ein Bauausschuss gebildet. Für die dringend notwendige Sanierung des Gebäudes wären 500.000,- DM erforderlich gewesen.  Die Kreishandwerkerschaft beschloss am 17.März 1980, das Gebäude aufzugeben. Der Obermeister hatte sich nun mit der Frage eines Abrisses zu beschäftigen. Ursprünglich sollten später auf dem Gelände „Stadthäuser“ entstehen in denen auch die Kreishandwerkerschaft ihre Büroräume sowie einen Gildesaal einrichten wollte. Aus diesem Vorhaben wurde aber nichts. Am 03. Mai 1982 wurde mit dem Bau eines neuen Gildehauses begonnen und gut ein Jahr später bezog die Kreishandwerkerschaft ihre neuen Amtsräume im neu errichteten „Presse und Gildehaus“ an der Liebenhaller Straße.

Wohl zum letzten Mal in der wechselvollen Geschichte des Gildehauses stand das alte Gebäude September 1982 im Mittelpunkt, diesmal allerdings aus einem traurigen Anlass: An einem Sonnabendnachmittag zeigten starke Rauchwolken an, dass im Inneren des Hauses ein großes Feuer wütete. Genau genommen waren es zwei Brandherde. Der eine Brandherd befand sich in der ehemaligen Gaststätte, der andere Brandherd loderte im ehemaligen Gildesaal. Dies ließ vermuten, dass Brandstiftung die Ursache des Feuers gewesen ist. Das Feuer zerstörte das Untergeschoss, aus dem jedoch schon vorher die wichtigsten Bauteile ausgebaut worden waren. Eine erneute Diskussion, ob das Gebäude stehen bleiben sollte, erübrigte sich, da nach dem Ausmaß des Schadens nur noch ein Abriss in Frage kam. Ein Jahr nach dem Brand, im September 1983 wurde der einstige Stolz der Handwerker-Gilden Salzgitters abgerissen. Damit wurde die oft vom Ortsrat Süd erhobene Forderung nach Abriss des einsturzgefährdeten Gebäudes erfüllt. Mit dem Haus verschwand allerdings auch ein Stück aus der Geschichte Salzgitters.

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