Die Vorsalzer Straße

Die Vorsalzer Straße

Als es um 1350 innerhalb der schützenden Mauern von Salzgitter immer enger wurde und junge, baulustige Bürgersöhne keinen Platz mehr fanden, hier ein eigenes Haus zu errichten, mussten sie vor die Stadttore ausweichen. Hier begann allerdings schon die Gemarkung der Herren von Kniestedt. Und so mussten sie vor dem Kniestedter Tor mit einem etwa 150 Meter breiten Streifen ohnehin nicht fruchtbaren Landes entlang des Weges nach Kniestedt vorlieb nehmen, den ihnen die adligen Herren zuwiesen. Dafür hatten die neuen Siedler allerdings auch die damals üblichen, jährlichen Abgaben an die Grundherren zu entrichten. Die Gärten der Häuser auf der Nordseite reichten direkt bis an die Warne. An deren nördlichen Ufer führte noch ein Gemeindeweg, genannt “Trift”, die heutige Petershagener Straße entlang.

Alte Urkunden dokumentieren, dass der kleine Vorort von Salzgitter anfangs Petershagen genannt wurde. Diese Bezeichnung hatten die Einwohner der insgesamt 20 Häuser umfassenden Zwerggemeinde auf das ganze Dörfchen übertragen, mutmaßlich herrührend von einem am buschbestandenen Bach wohnenden Besitzer. Daneben war aber auch die Benennung “Kniestedter Reihe” gang und gäbe. Schon 1653 wird das in den Kirchenbüchern mit der Eintragung vermerkt: Kniestedt und Petershagen. Als sich gegenüber am Salinengraben eine weitere, hintere Häuserzeile am “Damm” bildete, bürgerte sich für beide Straßenzüge der Name Vorsalz (vor dem Salze) ein. Die neue Ortsbezeichnung wurde urkundlich erstmals im Jahre 1739 erwähnt. Interessant ist es auch, dass die Kirchengemeinde vom Vorsalz nicht etwa zur Kirchengemeinde Mariae-Jacobi (der jetzigen ev. Altstadt-Kirchengemeinde) gehörte, sondern zur Kirchengemeinde Kniestedt. Um 1450 wurde mit der Töpferreihe die Bebauung nach Westen hin erweitert. Zu welcher Zeit dieser Straßenzug zu Salzgitter kam, ist nicht feststellbar, aber auf jeden Fall eher als Vorsalz.

Ganz allmählich nur vermochte sich Vorsalz von der Bindung an die adligen Gutsherren zu lösen. Die enge Verflechtung mit der Gemeinde Kniestedt aber blieb kirchlich wie auch schulisch weiterhin bestehen. Die Vorsalzer Parzellen waren deutlich kleiner als jene in Salzgitter. Dies entsprach der sozialen Stellung der Bewohner. Aus den, die Vorsalzer Bewohner betreffenden Eintragungen im Brandkataster wird deutlich, dass der Ertrag aus der Landwirtschaft nicht ausreichend war und die Ausübung eines weiteren Berufes notwendig war. Da so in Vorsalz im Wesentlichen nur Gewerbetreibende und Handwerker ihre Wohn- und Arbeitsstätten hatten, war man auch weiterhin wirtschaftlich auf Salzgitter angewiesen. Seit 1884 befand sich in der Vorsalzer Straße das vom Bahnhof verlegte Kaiserliche Postamt für die Orte Salzgitter, Kniestedt und Vorsalz, bis es 1929 an der Schulstraße – heute Altstadtweg – ein eigenes, neues Gebäude bezog. Um 1905 bestand Vorsalz aus 28 Häusern mit 175 Einwohnern (143 lutherisch, 32 katholisch). Unter anderem waren hier 2 Bäckereien, 4 Zigarrenhandlungen, 2 Kolonialwarenhändler, 4 Kurzwarenläden, 3 Läden für Spielwaren, 2 Weinhandlungen sowie 2 Porzellan- und Glashandlungen angesiedelt.

Die zu geringe Ausstattung mit Boden von Salzgitter und die politisch-territoriale Zersplitterung in kleine Gemeinden führte dazu, dass die Verwaltung der Salzstadt immer wieder Versuche unternahm, den kleinen Vorort in ihren Geltungsbereich einzugliedern. Vorsalz beharrte aber auf sein Eigenleben und war durchaus nicht gewillt, seine Selbständigkeit aufzugeben. Erst 1924, nach langen und schwierigen, von übergeordneten Behörden unterstützenden Verhandlungen erklärten sich die äußerst selbstbewusst auftretenden Mitglieder des Gemeindeausschusses bereit, Vorschläge für einen Zusammenschluss beider Orte zu überprüfen. Dennoch dauerte es noch volle zwei Jahre, bis endlich am 1. April 1926 der Eingemeindungsvertrag unterschrieben und besiegelt werden konnte. Mit seinem Inkrafttreten wuchs der bis dahin 2040 Seelen zählende Flecken Salzgitter um 142 Neubürger, und der Grundbesitz stieg von 397 auf 402 Hektar. Mit dem gleichen Termin wurden alle Verbindlichkeiten der Vorortgemeinde von der größeren kommunalen Verwaltung übernommen.

Salzgitter war erfreut über die im Zuge einer kommunalpolitischen Neuordnung erreichte Einschmelzung. Dieses freudige Ereignis sollte in einer Festsitzung der Fleckenskollegen gebührend gefeiert werden – doch vergeblich warteten die Bürgervorsteher im Ratshaus am Bohlweg auf das Erscheinen der Vorsalzer, die künftig mit Sitz und Stimme die Belange des eingemeindeten Ortes vertreten sollten. Die aber fühlten sich übervorteilt und überrumpelt, sahen die mit Salzgitter eingegangenen Vereinbarungen als nicht voll erfüllt an und widersetzten sich der Auflösung des mit Kniestedt bestehenden Gesamtschulverbandes. Auch die notwendig gewordene Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse entsprach nicht ihren Vorstellungen. Letztlich verlangte sogar Kniestedt für die inzwischen vollzogene “Gebietsreform” und den ihr dadurch erwachsenen Schaden eine nicht geringe Entschädigung.

Es dauert noch eine ganze Zeit, bis alle Vorwürfe und Vorurteile ausgeräumt waren. Die breite Straße, die den Namen der früheren Zwerggemeinde übernahm, wurde als natürlicher Zugang zum Altstadtkern bald zu einem echten Bestandteil des größer gewordenen, städtischen Gemeinwesens. Dank seiner günstigen Verkehrslage zwischen Schützen- und Marktplatz konnte sich nun hier auch das Geschäftsleben besser entfalten. Auch die Töpferreihe war nun optimaler an den örtlichen Verkehr angeschlossen und nicht länger eine Stichstraße ohne Wendemöglichkeit. Vielen Salzgitteranern sind noch einige Geschäfte aus jüngster Vergangenheit der Vorsalzer Straße bekannt – Spielwarengeschäft Kobel, Feinkost Peter Pohls, das Bali-Kino, Friseur Friedrichs, Musikfachgeschäft Hulda Kunze, Feinkost und Kolonialwaren Otto Strehlau, Bergenroth Nachf. (Nehls), Karl W. Löffler oder die Schreibmaschinenwerkstatt Achtermann. Nicht zuletzt ist der stadtgeschichtlich interessante Eckbau am Eingang der Vorsalzer Straße zu nennen. Hier befand sich schon von jeher ein Wirtshaus, das seinen Namen im Laufe der Zeit oft änderte – “Deutscher Kaiser” (bis 1918) und später “Wolfenbüttler Hof” (bis 1942) waren die prunkvollen Namen. Die Tradition wurde mit der “Zentral-Gaststätte” und der heutigen “Altstadtschänke” fortgeführt, Im angrenzenden Haus, wo sich im Obergeschoss ein, heute leerstehender Saal befindet, fanden damals zahlreiche gesellige Veranstaltungen, Konzerte und Theateraufführungen statt.

Im Verlaufe der nächsten Jahre hatte die Vorsalzer Straße bezüglich ihrer Gestaltung ein wechselhaftes Leben. So musste z.B. ein Fachwerkhaus dem Erweiterungsbau der Deutschen Bank weichen. 1960 entstand an der Ecke Bahnhofstraße (heute Passage) Vorsalzer Straße der Neubau des Haushaltwarengeschäft Löffler. 1963 wurde zwischen dem Damm und der Vorsalzer Straße das Klesmerdenkmal errichtet. Das Denkmal wechselte später noch zwei Mal seinen Standort. Anfang der siebziger Jahre war die Vorsalzer Straße bereits durch Blumenkübel zur Fußgängerzone umgewidmet, aber doch noch befahrbar. So war sie z.B. 1972 Standort des jährlichen Weihnachtsmarktes.

1975 wurde mit der baulichen Umgestaltung zur Fußgängerpassage begonnen. Dies war Teil der 3. Sanierungsmaßnahme nach dem Städtebauförderungsgesetzt in Salzgitter-Bad. Dieser Sanierungsabschnitt erstreckte sich von der Marktstraße bis zum Bahnhof und entsprach somit etwa dem früheren Orte Vorsalz. Die neue Fußgängerzone erhielt eine Pflasterung aus grobem, hochwertigem Granit, die in Anlehnung an die Zöpfe der Klesmer aus Salzgitter in Form eines “Klesmerzopfes” gestaltet war. Die Form der Pflasterung wurde dem Stil der noch einzeln und in Gruppen vorhandenen Fachwerkhäuser angepasst. Anlässlich der feierlichen Passageneröffnung wurde dann vom 3. bis 5. September 1976 das 1. Altstadtfest abgehalten. 1979 wurde am Eingang der Fußgängerzone die Plastik “Der störrische Esel” aufgestellt. Sie wurde von Prof. E. S. Reuter aus Berlin entworfen und war ein Geschenk aus der Bürgerschaft von Salzgitter-Bad.

Es dauerte nicht lange und es kam zum Unmut der anliegenden Kaufleute. Schon im Vorfeld wurden wegen der nicht mehr befahrbaren Fußgängerzone Umsatzeinbußen befürchtet. Hinzu kamen ständige Beschwerden von Bürgerinnen, die die Pflasterung insbesondere mit ihren “Stöckelschuhen” als nicht begehbar einstuften. Die andauernden Diskussionen über die Begehbarkeit hielten bis Ende der 80er Jahre an und schadeten der Geschäftslage derart, dass sieben Geschäftsleute und Hauseigentümer eine Interessengemeinschaft für die Neupflasterung der Vorsalzer Straße gründeten. Durch eine ungewöhnliche Spendenaktion in der Kaufmannschaft wurde tatsächlich der geplante Betrag für die Umbaukosten in Höhe von fast 500.000,- DM aufgebracht. Die Hauptsumme wurde vom Kaufhaus Karstadt und der Sparkasse zu Verfügung gestellt. Bevor der Umbau beginnen konnte, gab es noch Verhandlungen mit der Stadt und den Initiatoren. Ämter der Stadt Salzgitter forderten zusätzliche Maßnahmen wie z.B. neue Lampen. Dies allerdings hätte den Kostenrahmen gesprengt. Ab August 1990 wurde die Pflasterung innerhalb von zwei Monaten gegen “begehbares”, flacheres Ziegelmaterial ausgetauscht. Das Motiv des “Klesmerzopfes” ging somit verloren. Die Granitsteine wurden in Containern nach Salder transportiert, wo sie noch heute den Hof des Schlosses schmücken.

Das alte Bali-Kino wurde im Mai 2005 abgerissen. Später wurde das angrenzende Geschäftshaus mit den Läden (Spielwarengeschäft Kobel) im Westen des Grundstückst von einem Investor grundlegend saniert und modernisiert. Der Hof wurde zur Passage umgebaut, die auch als Verbindungsweg zwischen dem Fußgängertunnel vom Bahnhof über die Petershagener Straße bis zur Vorsalzer Straße  dient. Auf dem Grundstück befand sich einst ein Bauernhof der heute noch zu erkennen ist. Das Herrenhaus steht an der Vorsalzer Straße links neben der Einfahrt, das frühere Bali-Kino war Scheune und die nun neu gestalteten Läden waren einst die Stallungen. Das rechts der Hofeinfahrt stehende ehemalige Polsche Haus ging am 15. März 1979 durch Abbruch verloren. Längst haben die Häuserzeilen der ehemaligen Dorfstraße ihr Gesicht verändert. Nur einige wenige Fachwerkhäuser zeigen noch ihr ursprüngliches Aussehen oder sind ganz verschwunden. So musste am 10.09.1985 das Fachwerkhaus mit dem Feinkostladen Otto Strehlau einem Wohn- und Geschäftshaus weichen. Das Fachwerkhaus mit der Hausnummer 6, durch das man früher eine Schmiede im Hinterhof erreichte, wurde ebenfalls durch einen Neubau ersetzt. Das kleine angrenzende Fachwerkhaus mit dem Milchladen konnte wohl aufgrund der schlechten Bausubstanz nicht mehr gerettet werden. Erfreulicher Weise entstand an dieser Stelle ein neues Gebäude im Fachwerkstil. Für große Aufregung sorgte in jüngster Vergangenheit die mit Wärmedämmplatten überklebte Backsteinfassade des Hauses an der Ecke Passage/Vorsalzer Straße. Diese Baumaßnahme wurde vom Eigentümer vorgenommen, obwohl für die Altstadt in einer Gestaltungssatzung die Fassadenerhaltung vorgeschrieben ist. So ging das historische Erscheinungsbild mit den feinteiligen, dreidimensionalen Elementen aus der Wilhelminischen Ära für immer verloren. Zwischenzeitlich ist es etwas ruhiger im alten “Vorsalz” geworden. Nur noch der in “Petershagener Straße” umbenannte “Triftweg” hält die Erinnerung an die Geschichte der kleinen Stadtrandsiedlung aus mittelalterlichen Tagen wach.

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