Die Warne

Die Warne

So reizvoll ein Fluss für die Landschaft sein kann, so belebender wirkt in Feld und Flur und so nützlich seine Wasserkraft ist für die Erzeugung von Energie ist, so verheerend kann er sein, wenn sein Bett die Masse der heranbrausenden Fluten nicht mehr zu bergen vermag, wenn die Wasser über die Ufer treten und sich durch die Straßen der Städte und Dörfer wälzen, in Häuser und Ställe eindringen und Zerstörung und Verwüstung hinterlassen.

Gefährlich für die Städte sind nicht nur die großen Ströme, die seit Jahrhunderten vor dem Hochwasser durch Bauwerke gesichert sind. Es sind auch die kleinen Flüsse, die an warmen, trocknen Sommertagen friedlich daher plätschern und im Winter unter knackendem Eis schlafen. Bei den kleinen Flüsschen ist niemand argwöhnisch, bis plötzlich ein Wolkenbruch oder eine heftige Schneeschmelze ihnen den Kamm anschwellen lässt. Die Warne bei Salzgitter gehörte einst zu diesen Flüssen. Die Warne entspringt heute im Liebenburger Forst, schlängeln sich zwischen den Bärenköpfen und dem Köppelmannsberg durch den Wald. Das Wasser der Warne füllt zuerst den neuen Teich neben dem Köppelmannsberg und fließt dann weiter bis zum Salgenteich, wo der Fluß ein zweites Mal aufgestaut wird. Beide Teiche wurden ursprünglich als Staubecken für die Saline, für die Weberei und das Eisenwerk genutzt. Der nach seinem Erbauer Salge benannte Teich war früher in sommerlichen Tagen lange Zeit hindurch eine gern besuchte Badeanstalt. Hinter dem Salgenteich findet die Warne ihr Fortkommen in einem Kanalsystem, dass durch das Osterfeld, entlang der Petershagener Straße unter dem Solte Zentrum und dem Festplatz hindurch bis zum Schützenhaus führt. Neben dem Schützenhaus tritt die Warne dann wieder nach außen.

Früher ließ man der Warne innerhalb Salzgitters ihr altes Flussbett inmitten der Straße, die heute noch die Wamestraße heißt. Ihren Ein- und ihren Abfluß, der sich unter dem heutigen Ostflügel der Altstadtschule befand, hatte man durch starke Wehrtürme im Wall gesichert. Auch das ehemalige Postamt am Altstadtweg steht heute auf einem Ufer der ehemaligen Warne. Oft aber trat die Warne über die Ufer und überflutete Teile der Altstadt. Um 1500 entschlossen sich die Bürger um die Straßen der Stadt zu schützen, den Fluss um die Stadt herumzuleiten. Die Warne erhielt zu jener Zeit ihr neues Bett hinter den Häusern von Vorsalz, der heutigen Petershagener Straße. Hinter der Töpferreihe wurde eine Stauanlage gebaut durch die die Wallgräben gefüllt werden konnten, wenn Gefahr drohte. Diese Staumauer wurde bei Bauarbeiten gefunden und am Zentralparkplatz neu aufgebaut. Die “alte Warne” blieb weiterhin als breiter Graben bestehen und verschwand erst, als man 1911 die Häuserzeile der Salzreihe abbrach, Platz für den Neubau des Badehauses benötigt wurde und der Kurpark vergrößert werden sollte.

An manchen Tagen wirkt die Warne direkt armselig. Aber sie hat ein großes Einzugsgebiet und nimmt alles Oberflächenwasser östlich der Wasserscheide zwischen Innerste und Oker auf. Jeder Tropfen, der an der Grenzlerburg und am Schäferstuhl nicht versickert, jedes Rinnsal am Greif, aber auch das Wasser an den Hängen des an der anderen Seite der Stadt gelegenen Hamberges fließt ihr zu. In vergangenen Zeiten hat sie fast in jedem Jahrzehnt einmal eine Katastrophe verursacht. Zuletzt ist sie im Jahre 1936 über ihre Ufer getreten, als durch einen nur etwa eine Stunde anhaltenden Wolkenbruch eine Überflutung der tiefer gelegenen Stadtteile verursacht wurde. Ungeheure Wassermassen wälzten sich von den umliegenden Hängen herab, fanden im Warnebett keinen Platz mehr und überfluteten die südlich des Bahndammes gelegenen Straßen. Insbesondere wurden das Gittertor, der Marinenplatz, die Töpferreihe und der Damm in Mitleidenschaft gezogen.

Bei der Stadtverwaltung entstand damals im Zuge der Untersuchung über die Ursachen der Katastrophe die Auffassung, dass durch entsprechende Maßnahmen, die insbesondere in der Erweiterung des Warnebettes unterhalb der Stadt lagen, ähnliche Vorfälle vermieden werden könnten. Es wurde daher ein Plan entwickelt, der die Verrohrung der Warne im Gebiet der bebauten Ortslage und eine Tieferlegung der Warnesohle etwa vom Schützenhaus abwärts vor sah. Doch dieses Vorhaben musste im Jahre 1938 nochmals einer Korrektur unterzogen werden, da durch die Ausweitung des Stadtgebietes und durch die zu erwartende Bebauung auf Kniestedter Gebiet mit einem viel größeren Anfall von Oberflächenwasser gerechnet werden musste. Außerdem wirkte sich auch der geplante Bau der Eisenbahnunterführung im Bereich der Breslauer Straße auf die Konzeption aus. In den Grundprinzipien blieb jedoch der ursprüngliche Entwurf bestehen. Leider unterband der Krieg mit dem Verbot derartiger Baumaßnahmen die Durchführung, obwohl die Mittel für die Arbeiten zur Verfügung standen. Lediglich eine Teilmaßnahme, allerdings auch der vordringlichste Abschnitt des Projektes, wurde in Angriff genommen und fertig gestellt. Und zwar wurde die Warne, wenigstens von der Kläranlage abwärts vertieft und erweitert. Während der nachfolgenden Jahre gab es wieder starke Schneeschmelzen und ausgiebige Regenfälle. Aber eine erneute Hochwassergefahr trat nicht wieder auf. Die vorgenommene Erweiterung schien auszureichen, ein flüssiges Abziehen der Warnegewässer zu garantieren.

Eine Sorgenkind blieb die Warne jedoch auch weiterhin. Ihre dauernde Verschmutzung, die Einleitung häuslicher und industrieller Abwässer überstieg zeitweise den Grad ihrer Aufnahmefähigkeit erheblich. Auch war der aus ihr aufsteigende nicht gerade angenehme Geruch kaum noch auszuhalten. Und so wurde die wohl schon längst nötige Maßnahme, die Verrohrung der Warne, umgesetzt. Es entstand ein 2 Kilometer langes Kanalsystem aus Beton. Eine riesige Betonmischmaschine unterhalb des Bahnhofsvorplatzes, Baubuden, angefahrenes Baumaterial, Schienengestänge und eine große Wasserpumpe bildeten die Szenerie. Zuerst wurde ein 72 m langer Kanal auf der 320 m langen zu verrohrenden Strecke fertig gestellt. Nachdem die Warne auf dieser Strecke in den Abwasserkanal abgeleitet war, wurde das Flussbett 5,50 in tief ausgehoben, um die Sole für das Warneprofil zu schaffen. Eine Drainage sorgte für die Entwässerung unter der Sole. Der Boden wurde mit Schotter befestigt. Nach diesen Vorarbeiten wurden die “Profile” (große Betonröhrenstücke) eingelassen, miteinander verbunden, mit Holz eingeschalt, der Beton eingebracht und anschließend verdichtet.

Zur Sicherung der Häuser dicht an der Warne, deren Lage die Bauarbeiten erschwerten, wurden eiserne Spundwände auf der einen Seite angebracht, die andere Seite im “Berliner U-Bahn-Verbau-Verfahren” behandelt. Bei einem starken Regenfall waren die Abwässerkanäle, durch die die Warne vorübergehend umgeleitet wurde, nicht mehr in der Lage, die anfallenden Wassermassen aufzunehmen. Das Wasser überspülte die Dammanhöhe und ergoss sich in das alte Flussbett und die Baugrube. Dort fanden die Wasser die neue Verrohrung, durch die sie ihren weiteren Weg nahmen. Dieses Ereignis bedeutete für die Leute vom Bau zwei Tage Aufenthalt ihrer Arbeit. Durch die Umleitung der Warne in den Abwasserkanal und die Freilegung des Flussbettes hat sich erst in vollem Umfang gezeigt, wie notwendig die Warneverrohrung gewesen ist und welche gesundheitliche Beeinträchtigung sie in ihrem alten Zustand für Bevölkerung von Salzgitter-Bad bedeutete. 1955 verschwindet die Warne nach 5jähriger Bauzeit endgültig in dem neuen unterirdischen Kanalsystem. Die Baukosten der Verrohrung wurden seinerzeit mit 600.000,00 DM beziffert.

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