Gutsbezirk Liebenhalle

Gutsbezirk Liebenhalle

Der selbständige Gutsbezirk Liebenhalle

Eine ganze Reihe von selbstständigen Gutbezirken des damaligen Landkreises Goslar wurde in der ersten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts aufgehoben und den größeren Nachbargemeinden einverleibt. Unter ihnen war Wallmoden, Lüderrode, Nienrode, Ohlendorf, Ringelheim, Riechenberg und Grauhof. Aber keiner dieser Gutsbezirke hat Jahrhunderte hindurch ein so eigenständiges Leben geführt wie Liebenhalle, die kleine Insel inmitten Salzgitters. Nur zehn Morgen Grundbesitz und ca. 50 Einwohner waren es, um die der Flecken Salzgitter bei der Eingemeindung Liebenhalles im Jahr 1926 wuchs und doch war dieses Stückchen Erde rund um die Saline die Kernzelle und das Schicksal der alten Salzstadt. Herrschaftliche Ungerechtigkeiten hatten aus ihm einen politisch selbstständigen Bezirk gebildet und das Herzstück Salzgitters herausgelöst aus dem bis 1523 so lebendigen und gesunden Organismus eines blühenden Gemeindewesens.

Die Geschichte Liebenhalles beginnt mit der so harten Bestimmung des Quendlinburger Rezesses. Durch den unglücklichen Ausgang der großen Stiftsfehde fiel am 13. Mai 1523 mit dem Frieden von Quedlinburg das hildesheimische Salzgitter an die Herzöge von Braunschweig – Wolfenbüttel. Mit der Übernahme Salzgitters durch das welfische Herzogshaus verlor die Stadt gleichzeitig die Quelle ihres Wohlstandes: die Saline. Und da der einträgliche Handel mit dem Salz nun in fürstliche Händen lag, wurde die einheimischen Pfänner entlassen und durch ortsfremde Angestellte und aus Hessen angeworbene Tagelöhner ersetzt. Und so wurde der Lebensnerv der Salzstadt getötet und in die Häuser Salzgitter zog bittere Not ein. Und selbst den alten Namen entzog Herzog Heinrich dieser Stätte. Der aus dem Stadtgebiet heraus getrennte Salinenbezirk wurde nun mit Hinblick auf das nahe Amt Liebenburg und mit dem zu “hall” umgewandelten Begriff Salz: “Liebenhall” genannt. Allzu deutlich wollte der Herzog seinen neuen Besitz von der übrigen Stadt abgrenzen. Schon wenig später hieß es in den Urkunden: “Das Salzwerk in dem Flecken Salzgitter, jetzt Salzliebenhalle genannt”. Erst 1803 wurde Salzgitter, das nach dem Verlust der Saline zum Flecken herabsank, erneut mit der Würde des Stadtrechts ausgezeichnet. Für den Gutsbezirk blieb sein Name jedoch weiterhin bestehen. Niemals wurde das Unrecht wieder gutgemacht, das Herzog Heinrich und seine Nachfolger begangen hatten. Mit den der Stadt und den Bürgern zugewendeten kleinen Entschädigungen – wie es z.B. das Braurecht war – gestanden sie mittelbar den Raub der Saline ein, mit dem der Bestand und die Entwicklung Salzgitters zerschlagen und den Einwohnern die Grundlage ihres Lebens entzogen wurde.

Als am 17. April 1643 mit der Rückgabe des Hochstifts auch Salzgitter an den Hildesheimer Bischof zurückfiel, hofften die hiesigen Bürger, dass das von den Braunschweiger Herzögen unrechtmäßiger Weise enteignete Gut wieder den rechtmäßigen Besitzern zukäme. Die Saline blieb aber in welfischer Hand. Die braunschweigschen Herzöge dachten jedoch nicht daran, die für sie so reiche Einnahmequelle preiszugeben. Sie pflegten ihren Besitz gut und steckten gelegentlich auch wohl wie beim Bau eines großen Gradierwerkes auf dem Schützenplatz beträchtliche Summen in die Anlagen. Da machte sich sehr wohl bezahlt, denn gewaltigen Mengen Salz konnten mit der Zeit gewonnen und vertrieben werden. Bereits während der französischen Fremdherrschaft hatten die Bürger Salzgitters darum gebeten, das Salzwerk auf den Pfingstanger zu verlegen, zumal sich dort die enge Verbindung mit den Gradierwerken anbot. Zudem bildeten die auf den öffentlichen Plätzen haushoch gestapelten, zum Sieden benötigten Buchenwasen eine ständige Brandgefahr für den gesamten Ort. Die “Kgl. Westphälische Generaldirektion für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen” lehnte jedoch die Bitte mit fadenscheiniger Begründung ab. Auch die zum gleichen Zweck an die herzogliche Vermögensverwaltung gerichtete, von vielen Einwohnern unterstützte Eingabe fand “aus persönlichen Gründen” kein Gehör.

Und wie gefahrvoll die Salzbereitung inmitten der vielen Fachwerkhäuser des alten Ortes war, erwies sich, als durch die Fahrlässigkeit eines Arbeiters in der Nacht vom 2. zum 3. November 1913 ein Großfeuer ausbrach, das die gesamte Anlage bis auf das Tillyhaus und die Pfannenschmiede einäscherte. Nach der Brandkatastrophe wurde in aller Eile ein neuer Betrieb geschaffen, der allen modernen Anforderungen entsprach. Trotz des Kriegsausbruchs konnte sie schon im Jahre 1915 wieder ihren Betrieb aufnehmen. Zwei Jahre später wurden rund 80.000 Zentner Salz produziert. Als der Umsturz 1919 die bisherige Ordnung löste, ging die Saline in Privatbesitz der Eggestorff – Werke über. Nun war ihr Verfall nicht mehr aufzuhalten. 1925 erfolgte die völlige Stilllegung. Salzgitter sicherte sich bei dem Konkursverfahren am 19.11.1926 wichtige Teile und Anrechte an der Anlage. Als dann die unschönen Bretterwände fielen, die Liebenhalle bis dahin umhegt und den Salinenhof den Blicken der Bürgerschaft entzogen hatte, waren nur noch wenige Reste aus der Vergangenheit vorhanden. Die schönen Fachwerkhäuser, die Salzkoten, die Siedereihe, die Schöpfwerke und Pumpkünste, sie waren entweder den Flammen zum Opfer gefallen oder Neubauten gewichen. Salzgitter aber hatte nach 400jähriger Trennung den Boden zurück gewonnen, von dem es einst seinen Ausgang nahm.

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